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GeschlechtsidentitÀt
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Die GeschlechtsidentitÀt umfasst geschlechtsbezogene Aspekte der menschlichen IdentitÀt. Der Begriff verdichtet im öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs verschiedene Aspekte des Erlebens von Zugehörigkeit zu einem Geschlecht. Dabei geht es um die Fragen, welchem Geschlecht eine Person angehört, ob sie sich ihrem biologischen Geschlecht entsprechend oder davon verschieden erlebt und das zum Ausdruck bringen kann und ob sie die damit verbundene Rolle in sexuellen und sozialen Situationen unmissverstÀndlich und mit Erfolg zu entfalten vermag.

Die GeschlechtsidentitĂ€t ist Teil des Selbsterlebens eines Menschen und damit Teil seiner IdentitĂ€t, in die auch andere Rollen, mit denen sich eine Person identifiziert, eingehen.cite-ref-rollenidentitaet-1-0[Anm. 1] Damit drĂŒckt sie sich „auch im Geschlechtsrollenverhalten aus, also in all dem, was jemand tut oder lĂ€ĂŸt, um zu zeigen, dass er sich als Mann, als Frau, oder ‚irgendwie dazwischen‘ empfindet“.cite-ref-bosinski-100-2-0[1] Die GeschlechtsidentitĂ€t ist eine „evolutionĂ€r sehr junge, spezifisch menschliche, hochkomplexe Eigenschaft“.cite-ref-bosinski-130-3-0[2]

GeschlechtsidentitĂ€t sei, so die Sexualwissenschaftlerin Sophinette Becker, „sowohl das Ergebnis komplexen Zusammenwirkens körperlicher, seelischer und sozialer Faktoren, als auch das Ergebnis gewaltiger psychischer Abwehr- und Integrationsleistungen“. Sie sei „ebenso wenig natĂŒrlich gegeben, wie ausschließlich das Produkt einer freien Wahl“.cite-ref-becker-1-4-0[3]

Contents

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Der Begriff und seine Geschichte

Es gibt fĂŒr den Begriff der GeschlechtsidentitĂ€t keine verbindliche und allgemein oder auch nur in den Bezugswissenschaften anerkannte Definition, auf die man sich geeinigt hĂ€tte. Das fĂŒhrt zu Unsicherheiten darĂŒber, welche Bedeutung diesem Begriff innewohnt, wenn er nicht im jeweiligen Kontext erlĂ€utert wird.cite-ref-katz-5-0[4] DarĂŒber hinaus werden andere Begriffe, wie IdentitĂ€tsgeschlecht, GeschlechtsrollenidentitĂ€t oder sexuelle IdentitĂ€t als Synonyme verwendet,cite-ref-diamond-6-0[Anm. 2] in der Regel ohne dass geklĂ€rt wird, ob tatsĂ€chlich Gleiches oder hinreichend Ähnliches gemeint ist. In dieser Hinsicht unterscheiden Psychologie, Soziologie und Sexualwissenschaft als zentrale Bezugswissenschaften oft nicht. In der medialen Verwendung der Begriffe wird meist noch weniger differenziert. Mitunter wird dann auf SelbstverstĂ€ndliches aufmerksam gemacht: „In der Wissenschaft ist es [
] notwendig, sich ĂŒber die verwendeten Begriffe Klarheit zu verschaffen.“cite-ref-sigusch-97-7-0[5]

Der Sexualwissenschaftler John Money prĂ€gte in den 1950er Jahren den Begriff der Geschlechterrolle (englisch “gender role”) und stellte ihm 1963 jenen der GeschlechtsidentitĂ€t (“gender identity”) zur Seite,cite-ref-money-8-0[6] fĂŒr den er 1965 in seinem Glossar eine formale Definition gab.cite-ref-money-2-9-0[7] Money verstand beide Begriffe als sich gegenseitig bedingend: Die Geschlechterrolle sei der Ă€ußerlich sichtbare Ausdruck der GeschlechtsidentitĂ€t, die GeschlechtsidentitĂ€t die innere Wahrnehmung der eigenen Geschlechterrolle.

Die Psychoanalytiker Ralph R. Greensoncite-ref-greenson-10-0[8] und Robert Stoller definierten GeschlechtsidentitĂ€t 1964 bezogen auf das körperliche Geschlecht. Es gehe um die Gewissheit, welchem Geschlecht (englisch “sex”) man angehöre, und um das Bewusstsein, mĂ€nnlich oder weiblich zu sein.cite-ref-stoller-2-11-0[9]

In seiner Schrift Sex and Gender verwendete Stoller 1968 erstmals das Wort Gender, um MĂ€nnlichkeit und Weiblichkeit einer Person von deren körperlichem Geschlecht (engl. “sex”) abzugrenzen. Die GeschlechtsidentitĂ€t, die sich auf das körperliche Geschlecht bezieht, wurde von Stoller als “core gender identity” (deutsch: KerngeschlechtsidentitĂ€t) bezeichnet. Gender und GeschlechtsidentitĂ€t erfuhren einen Bedeutungszuwachs, teilweise wurde GeschlechtsidentitĂ€t als Oberbegriff verstanden. Richard Green beispielsweise verwendete bereits 1974 GeschlechtsidentitĂ€t als Oberbegriff fĂŒr KerngeschlechtsidentitĂ€t, Geschlechtsausdruck und sexuelle Orientierung.cite-ref-green-12-0[10]

Eberhard Schorsch und andere hatten 1985 in Zusammenfassung von Stollers AusfĂŒhrungen eine Definition zur sexuellen IdentitĂ€t vorgeschlagen und empfohlen, sie als einen Oberbegriff zu verstehen, unter dem drei verschiedene Sachverhalte subsumiert sind: die sogenannte Kerngeschlechtlichkeit als elementares Bewusstsein der Geschlechtszugehörigkeit, die Geschlechtsrolle im Sinne sozialer Potenz in dieser Rolle und der Sex im engeren Sinn, aber auch im Sinne eines Vertrauens in Vollwertigkeit und Potenz.cite-ref-schorsch-1985-13-0[11]

In ihrem Vortrag vom Dezember 2018 teilte die Sexualwissenschaftlerin Sophinette Becker mit, der Begriff IdentitĂ€t sei „ein recht spĂ€t auftauchender Begriff, der im Zusammenhang mit Unsicherheit ĂŒber die IdentitĂ€t entstand“. Der Begriff GeschlechtsidentitĂ€t sei aufgekommen, als die Begriffe Mann und Frau „nicht mehr klare SelbstverstĂ€ndlichkeiten waren“.cite-ref-becker-2-14-0[12]

Der Sexualwissenschaftler Bosinski macht fĂŒr die begrifflichen Unsicherheiten insbesondere eine mangelnde Unterscheidung von „geschlechtsspezifischen“ und „geschlechtstypischen“ Merkmalen verantwortlich und widmet ihrer Beschreibung in Auswertung zahlreicher Forschungsergebnisse besondere Aufmerksamkeit.

„Die Fragen, warum und wie jemand zur Frau / zum Mann wird, was es heißt, eine Frau / ein Mann zu sein, ob, wie und ggf. warum Frauen und MĂ€nner anders denken, fĂŒhlen und handeln, gehören zu den spannendsten, aber auch umstrittensten Problemen humanwissenschaftlicher Forschung ĂŒberhaupt.“

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Hartmut Bosinski

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Determinanten der GeschlechtsidentitÀt

Zu den „geschlechtsspezifischen“ Merkmalen rechnet er die „Determinierung des genetischen Geschlechts“, aber auch jene des „KeimdrĂŒsengeschlechts“,cite-ref-gonade-16-0[Anm. 3] der „inneren Genitalstrukturen“cite-ref-innere-geschlechtsorgane-17-0[Anm. 4] und der „Àußeren Genital-Konfiguration“.cite-ref-aeussere-geschlechtsorgane-18-0[Anm. 5]cite-ref-bosinski-100-2-1[1] Im Unterschied dazu befasst er sich fĂŒr die „geschlechtstypischen“ Merkmalecite-ref-bosinski-108-19-0[14] beispielsweise mit der „Körperhöhe“ – „Durchschnittlich (typischerweise) sind MĂ€nner in allen Kulturen ca. 8–10 cm grĂ¶ĂŸer als Frauen“cite-ref-bosinski-108-2-20-0[15] –, mit der Intelligenz – wenn auch fĂŒr einzelne Faktoren, so ließen sich fĂŒr die „Gesamtintelligenz keine Geschlechtsunterschiede“ findencite-ref-bosinski-109-21-0[16] – und mit der AggressivitĂ€t – „MĂ€nner zeigen durchschnittlich mehr unprovoziertes (!) fremdverletzendes Verhalten als Frauen“.cite-ref-bosinski-109-21-1[16]cite-ref-knight-bettencourt-22-0[17] Abweichungen von den geschlechtsspezifischen Merkmalen gelten als krankhaft, wĂ€hrend Abweichungen in den geschlechtstypischen Unterschieden „nicht krank, sondern die Regel“ seien.cite-ref-bosinski-100-2-2[1]

Im Lauf der Jahre hat es zahlreiche Umwidmungen der verschiedenen Begriffe im Zusammenhang mit dem der GeschlechtsidentitĂ€t gegeben, die jedoch eher zu einer wachsenden UnĂŒbersichtlichkeit beigetragen, als zu einer KlĂ€rung gefĂŒhrt haben.

Im Jahr 2006 wurden in der indonesischen Stadt Yogyakarta die sogenannten Yogyakarta-Prinzipien ausgehandelt, die laut Heiner Bielefeldt „den aktuellen Stand der internationalen Menschenrechtsdiskussion“ reprĂ€sentieren und der „Weiterentwicklung der Menschenrechte“ dienen sollen.cite-ref-yogyakarta-2-23-0[18] Sie wurden im Jahr 2008 von der inzwischen gegrĂŒndeten Hirschfeld-Eddy-Stiftung erstmals in deutscher Sprache herausgegeben.

„Unter ‚geschlechtlicher IdentitĂ€t‘ versteht man das tief empfundene innere und persönliche GefĂŒhl der Zugehörigkeit zu einem Geschlecht, das mit dem Geschlecht, das der betroffene Mensch bei seiner Geburt hatte, ĂŒbereinstimmt oder nicht ĂŒbereinstimmt; dies schließt die Wahrnehmung des eigenen Körpers (darunter auch die freiwillige VerĂ€nderung des Ă€ußeren körperlichen Erscheinungsbildes oder der Funktionen des Körpers durch medizinische, chirurgische oder andere Eingriffe) sowie andere Ausdrucksformen des Geschlechts, z. B. durch Kleidung, Sprache und Verhaltensweisen, ein.“

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Hirschfeld-Eddy-Stiftung

(Hrsg.)

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Die Yogyakarta-Prinzipien

Entwicklung geschlechtlicher IdentitÀt

Bosinski ging davon aus, dass „die Entwicklung der GeschlechtsidentitĂ€t durch ein hochkomplexes, zeitabhĂ€ngiges biopsychosoziales BedingungsgefĂŒge determiniert“ werde.cite-ref-bosinski-96-15-1[13] SpĂ€testens seit Simone de Beauvoir und ihrem 1949 erschienenen Buch Das andere Geschlecht hat sich eine fortdauernde Kontroverse ĂŒber die GeschlechtsidentitĂ€t und die Frage entwickelt, ob sie sich bevorzugt „oder gar ausschließlich“ ĂŒber biologische Gegebenheiten, EinflĂŒsse der Sozialisation oder die Wirkung psychogenetischer Faktoren konstituiert. Bosinski meint, es habe „den Anschein, als ob nun ein erneutes ‚Umschwingen des Diskurs-Pendels‘“ erfolge.cite-ref-bosinski-97-25-0[20] Das sei zwar auch durch wissenschaftliche Befunde induziert, werde maßgeblich aber durch den „Zeitgeist“ beeinflusst. Der könne sich jedoch nicht nur von aktuellen wissenschaftlichen Ergebnissen entfernen, sondern ganz im Widerspruch zu ihnen stehen.

Zu der Frage, wie sich die GeschlechtsidentitĂ€t in der individuellen Entwicklung herausbildet, hat die psychoanalytische Theorie einiges beigetragen. Nach Jessica Benjamin verlĂ€uft die Sexualentwicklung vom Autoerotismus ĂŒber den Narzissmus zur genitalen Liebe. Sie beschrieb im Detail vier Phasen in der Entwicklung der GeschlechtsidentitĂ€t.cite-ref-benjamin-01-26-0[21]

WĂ€hrend der ersten 1 œ Lebensjahre „bildet sich die geschlechtliche IdentitĂ€t im Kern“ heraus. Dabei handele es sich um eine „bloß empfundene Überzeugung, mĂ€nnlich oder weiblich zu sein“. Daraus werde spĂ€ter die „Überzeugung, der einen oder der anderen Gruppe zuzugehören“. Das sei, was der Begriff Geschlechtszugehörigkeit bedeute.cite-ref-benjamin-02-27-0[22]

In der 2. HĂ€lfte des 2. Lebensjahres beginne mit der frĂŒhen Differenzierung die nĂ€chste Phase in der Herausbildung geschlechtlicher IdentitĂ€t „auf der Ebene der Identifikationen“.cite-ref-benjamin-03-28-0[23] „In Abgrenzung von der geschlechtlichen Kern-IdentitĂ€t“ wurde dieses PhĂ€nomen 1983 von Person und Oversy mit dem Begriff der GeschlechtsrollenidentitĂ€t beschrieben, weil mĂ€nnliche und weibliche Selbstbilder im Zentrum stehen.cite-ref-benjamin-04-29-0[24] Das sei eine „psychische Errungenschaft“, die im Konflikt „von Trennung und Individuation erworben wird“. Das Kind beginne, beide Eltern bewusst und auch im Geschlecht zu unterscheiden. Mutter reprĂ€sentiere dabei in einem, wie Benjamin es nennt, traditionellen Geschlechterarrangement idealtypisch „Halten, Bindung und Versorgung“, Vater reprĂ€sentiere „Außenwelt, Erforschung und Freiheit“. Es gehe im Erleben des Kindes noch nicht um eine Triade, also Vater-Mutter-Kind, sondern noch um Dyade,cite-ref-dyade-30-0[25] also Vater-Kind oder Mutter-Kind. Hier entstehe so etwas wie „identifikatorische Liebe“.cite-ref-benjamin-05-31-0[26]

Im Alter von 2 bis 3 œ Jahren sei die LiebesfĂ€higkeit des Kindes noch stark narzisstisch gefĂ€rbt. Wenn der Junge in dieser Zeit wie Mutter und das MĂ€dchen wie Vater sein wolle, sei das weder Ausdruck der Ablehnung des eigenen Geschlechtes noch Reaktion auf Konflikte – Freud sprach als einen zentralen Konflikt wĂ€hrend der psychosexuellen Entwicklung des Kindes beispielsweise Kastrationsdrohungen an. Stattdessen gehe es um Liebe und Bewunderung fĂŒr das jeweils andere Geschlecht. Kinder wĂŒrden nun beginnen, das „Repertoire von Gesten und Verhalten, das die Kultur zum Ausdruck von MĂ€nnlichkeit und Weiblichkeit bereithĂ€lt, fĂŒr sich zu assimilieren“.cite-ref-benjamin-05-31-1[26] Noch versuchten die Kinder aber, „beide Optionen in sich selbst zu verwirklichen“. Nur langsam dringe, gegen Ende dieser Entwicklungsphase, der Konflikt „zwischen Wunsch und anatomischer RealitĂ€t“ ins Bewusstsein. „Diese Phase ist [
] von stĂ€ndigem Protest gegen die immer deutlichere Wahrnehmung der Geschlechterunterschiede gekennzeichnet“.cite-ref-benjamin-06-32-0[27] Beide aber wĂŒrden – noch – alles sein wollen und protestierten gegen die „geschlechtsspezifischen Grenzen“. Sich auf Sigmund Freud beziehend gingen Ă€ltere psychoanalytische Konzepte, die inzwischen weitgehend aufgegeben wurden, davon aus, dass Jungen in dieser Entwicklungsphase die GebĂ€rfĂ€higkeit und MĂ€dchen den Penis neiden wĂŒrden. Als Erste stellte sich Karen Horney 1922 diesen theoretischen Konstrukten Freuds entgegen.cite-ref-horney-33-0[28]

Gegen Ende des vierten Lebensjahres beginne die Phase der „eigentlichen Geschlechterdifferenzierung“.cite-ref-benjamin-06-32-1[27] Dabei wĂŒrden „die komplementĂ€ren GegensĂ€tze dem Selbst und dem Anderen zugeordnet“. In dieser Phase werde die identifikatorische Liebe zum – „gewöhnlich, aber nicht zwangslĂ€ufig“ – andersgeschlechtlichen Elternteil aufgegeben. Dies fĂŒhre nicht selten zu RivalitĂ€t und „verĂ€chtliche[r] Ablehnung des anderen Geschlechts“ oder zu Liebe und Sehnsucht nach dem verlorenen Anderen. In dieser Phase könne ein „chauvinistische[s] Beharren auf dem eigenen Geschlecht“ – „jede(r) muss genauso sein wie ich“ – beobachtet werden. Die gleichgeschlechtliche Identifikation werde nun unterstĂŒtzt durch andere als die Elternfiguren und auch durch Gleichaltrige. Idealtypisch wĂŒrden nun die eigenen Grenzen anerkannt und im Anderen das geliebt, was verschieden ist. Das bedeute, angekommen zu sein bei „Identifikation und Objektliebe“. Insbesondere die Liebe, die sich auf den Anderen richtet, setze Spannungstoleranz voraus und die mĂŒsse sich entwickelt haben, damit dieser Entwicklungsschritt gelingen könne. Je weniger das Kind in „rigiden, komplementĂ€ren Rollenvorstellungen“ steckenbleibe, umso eher könne sich, wie Benjamin sagt, eine entspannte „Vertrautheit mit Besonderheiten des anderen Geschlechts“ einstellen.cite-ref-benjamin-07-34-0[29]

Ist dieser individuelle Entwicklungsprozess abgeschlossen, hĂ€tten Kinder zunĂ€chst „hochgradig stereotypisierte Urteile darĂŒber, was Jungen können und MĂ€dchen nicht und umgekehrt“, was allerdings „soziokulturellen Schwankungen unterworfen“ sei. In der Folge sei es „eine Entwicklungsaufgabe des Kindes, zu lernen, sich entsprechend der durchschnittlichen Erwartungen an seine Zugehörigkeit zum mĂ€nnlichen oder weiblichen Geschlecht zu verhalten“.cite-ref-bosinski-114-35-0[30] Dabei seien, so Bosinski im Jahr 2000, „in modernen Industriekulturen [
] die Grenzen zwischen Mann-Sein und Frau-Sein nicht mehr derart zementiert wie etwa noch vor 30 Jahren“.cite-ref-bosinski-115-36-0[31]

FĂŒr den „Prozess der Entwicklung einer ‚erziehungskontrĂ€ren‘ GeschlechtsidentitĂ€t“ hat Bosinski vorgeschlagen, davon auszugehen, dass sie „von einer Nicht-Identifizierung mit dem durch die Erziehung angetragenen Geschlecht bzw. einem ‚Wohler-fĂŒhlen‘ in der Rolle des anderen Geschlechts ĂŒber eine Ablehnung der körperlichen Aspekte des Erziehungsgeschlechts und der Realisierung einer fĂŒr diese Rolle ‚unpassenden‘ sexuellen Orientierung bis zu einer Flucht aus dem Erziehungs- in das innerlich als ‚stimmiger‘ empfundene Gegengeschlecht“ verlaufe.cite-ref-bosinski-131-37-0[32] An diesem Prozess seien, wie auch an der Entwicklung einer „erziehungskonformen“ GeschlechtsidentitĂ€t, „biologische, innerpsychische und soziokulturelle Faktoren“ beteiligt, die ihre Wirkung „in der frĂŒhen Kindheit“ zu entfalten beginnen „und erst nach der PubertĂ€t zu einem relativen Abschluß“ kĂ€men. Dabei wĂ€ren „Kultur und Natur“ einerseits und „Anlage und Erziehung“ andererseits keineswegs „einander [
] ausschließende, sondern vielmehr notwendig ergĂ€nzende und bedingende Mechanismen“. Bewertungen allerdings „hĂ€ngen nicht von – wie auch immer gearteten – Befunden ab, sondern sind politisch-moralische Entscheidungen“.cite-ref-bosinski-132-38-0[33]

FĂŒr die Entwicklung der GeschlechtsidentitĂ€t in anderen als den westlich geprĂ€gten Kulturen gilt es – nicht in jeder Hinsicht, aber in manchen Merkmalen –, gesonderte Aspekte zu berĂŒcksichtigen. Die Psychoanalytikerin Mahrokh Charlier beispielsweise hat ĂŒber die Entwicklung in „patriarchalischislamischen Gesellschaften“ veröffentlicht.cite-ref-charlier-39-0[34]

Versuche, sich mit der Entwicklungspsychologie der GeschlechtsidentitĂ€t zu befassen, stehen vor einer umfangreichen Fachliteratur in den verschiedenen damit befassten wissenschaftlichen Disziplinen: „Die Herausbildung der GeschlechtsidentitĂ€t, von Geschlechtsrollenverhalten und -vorstellungen sind seit Jahren Gegenstand einer kaum ĂŒberschaubaren FĂŒlle von Untersuchungen und Publikationen der Sozialpsychologie, der Differentiellen Psychologie, der empirischen Entwicklungspsychologie usw. Pro Jahr erscheinen hierzu ca. 600 neue Arbeiten allein in der psychologischen Literatur.“cite-ref-bosinski-112-40-0[35] Zur Orientierung schlĂ€gt Bosinski einige „Überblicksarbeiten“ vor.cite-ref-bosinski-112-2-41-0[36]

BinÀre GeschlechtsidentitÀt

Die Bezeichnung binĂ€re GeschlechtsidentitĂ€t hat sich fĂŒr jene FĂ€lle etabliert, in denen ausschließlich Frauen und MĂ€nner als Geschlechtergruppen in den Fokus der Betrachtung gerĂŒckt werden (siehe auch BinĂ€re Geschlechterordnung). Auch wenn in der öffentlichen Debatte die geschlechtliche Vielfalt inzwischen breiten Raum eingenommen hat (vergleiche die neue Geschlechtsoption „divers“), gehören Menschen, die sich mit einem dieser beiden Geschlechter zweifelsfrei identifiziert haben, nach wie vor und mit seltenen Ausnahmen ĂŒberall auf der Welt zu den beiden grĂ¶ĂŸten Geschlechtergruppen. NichtbinĂ€re GeschlechtsidentitĂ€ten machen in Deutschland etwa 1 bis 2 % der Bevölkerung aus (vergleiche Inter- und Transgeschlechtlichkeit). Dabei ist zu berĂŒcksichtigen, dass selten Zahlen angegeben werden und wenn, dann unterscheiden sie sich „je nach definitorischer Begrenzung und untersuchter Population“.cite-ref-bosinski-104-42-0[37]

Auch der Eindruck, die sexuelle Orientierung der Menschen hin zu einer Homo- oder BisexualitĂ€t habe in einem Umfang zugenommen, der die HeterosexualitĂ€t zu verdrĂ€ngen beginne, tĂ€uscht. Diesem Eindruck tritt Bosinski entschieden und mit wissenschaftlichen Mitteln entgegen: „Vielmehr stehen ca. 90 bis 95 % vorwiegend bis ausschließlich heterosexuell [
] orientierten MĂ€nnern ca. 5 bis 8 % mehr oder weniger exklusiv homosexuell orientierte MĂ€nner [
] gegenĂŒber. Die Zahl der bisexuell orientierten [
] liegt stets unter der letztgenannten.“cite-ref-bosinski-112-40-1[35] Auch stehe fest, „dass keine Kultur bekannt ist, in der die durchschnittlich grĂ¶ĂŸere sexuell-erotische Attraktion von MĂ€nnern durch Frauen und von Frauen durch MĂ€nnern aufgehoben oder gar umgekehrt“ sei.cite-ref-bosinski-118-43-0[38]

Ethnographische Untersuchungen haben „trotz der teilweise erheblichen interkulturellen Varianz“ eine „Reihe von kulturĂŒbergreifenden Universalien“ zu erkennen gegeben, und die „seinerzeit mit großem Enthusiasmus aufgenommenen Berichte von Magaret Mead (1979) ĂŒber die angeblich totale kulturelle RelativitĂ€t der Geschlechterrollen gelten inzwischen als widerlegt“.cite-ref-bosinski-115-36-1[31]

Bosinski empfiehlt, die Kategorie der binĂ€ren GeschlechtsidentitĂ€t nicht aufzugeben, insbesondere mit Blick auf die kindliche Entwicklung: „Die Kategorien ‚Mann und Frau‘, ‚Junge und MĂ€dchen‘ haben Kompassfunktion bei der Aneignung der Welt, Ă€hnlich wie andere kindliche Urteilskategorien (z. B. ‚Gut und Böse‘).“cite-ref-bosinski-113-44-0[39]

Als FĂŒrsprecher der Anerkennung geschlechtlicher Vielfalt empfiehlt der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch mit Blick auf die sexuelle DiversitĂ€t einen Aspekt nicht aus dem Auge zu verlieren, er nennt ihn den „festen Kern von SexualitĂ€t und Geschlechtlichkeit“.

„Fest ist der sexogenerische Kern, weil beispielsweise kein ‚Bio-Mann‘ je erfahren und verstehen wird, was der Einbruch der Menstruation und der BrĂŒste, was die BlutfĂŒllung der Vorhofschwellkörper, die VergrĂ¶ĂŸerung der Klitoris und die Kontraktionen im Unterleibsinneren, was Schwangerschaft, Geburt und Stillen oder was das natĂŒrliche Verlieren der Fruchtbarkeit in einem Alter, das heute keineswegs als hoch angesehen wird – was all das wirklich bedeutet. Diese mit dem Körpergeschlecht unlösbar verbundenen Ereignisse schlagen sich in Körper und Seele nieder, und nicht zuletzt aus diesen NiederschlĂ€gen entsteht das, was wir seit einiger Zeit SexualitĂ€t und GeschlechtsidentitĂ€t nennen.“

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Volkmar Sigusch

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Sexuelle Welten

Geschlechtliche Vielfalt

In Deutschland gibt es mindestens in den „großen StĂ€dten [
] mittlerweile eine schillernde Szene von Angehörigen beider Geschlechter“, die eine GeschlechtsidentitĂ€t jenseits der binĂ€ren entwickelt und dafĂŒr verschiedene Bezeichnungen vorgesehen haben. Sie definieren sich „jenseits der herkömmlichen Rollenzuschreibungen, ohne dass es sich dabei um krankheitswertige (transsexuelle) GeschlechtsidentitĂ€tsstörungen handelt“.cite-ref-bosinski-115-36-2[31]

Im Jahr 2012 nahm sich die Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung (bpb) des Themas an.cite-ref-bundeszentrale-46-0[41] In ihrem Editorial beklagt Anne Seibring die Außenseiterposition, in die Menschen, die anders als alle anderen sind, geraten, und macht auf nicht immer allgemein bekannte Folgen aufmerksam: „Lange Zeit ging die Medizin von der heute höchst umstrittenen Annahme aus, eine stabile GeschlechtsidentitĂ€t könne bei intersexuell Neugeborenen durch operative Geschlechtszuordnung (manchmal auch ohne Wissen der Eltern) und durch Erziehung im zugewiesenen Geschlecht erreicht werden. Viele Betroffene, die – wenn ĂŒberhaupt – grĂ¶ĂŸtenteils erst im Erwachsenenalter davon erfuhren, sind tief traumatisiert. FĂŒr sie wie auch fĂŒr diejenigen, die von Operationen verschont geblieben sind, sowie fĂŒr Menschen mit TransidentitĂ€t kommt hinzu, dass sie in einer Gesellschaft leben, deren binĂ€re Geschlechterordnung kaum Platz lĂ€sst fĂŒr ‚anderes‘.“cite-ref-bundeszentrale-01-47-0[42]

FĂŒr den Themenschwerpunkt der Bundeszentrale sind neun Artikel von Vertretern verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen verfasst worden, die eine FĂŒlle einschlĂ€giger und weiterfĂŒhrender Literatur verarbeiten. Sie geben mit ihren je verschiedenen Schwerpunkten einen Überblick ĂŒber den zu diesem Zeitpunkt aktuellen Stand der wissenschaftlichen Diskussion. Neben einem Aufsatz von Laura Adamietz zur rechtlichen Situation in Deutschlandcite-ref-adamietz-01a-48-0[43] beschĂ€ftigte sich Carolin KĂŒppers mit der soziologischen Dimension des Geschlechtes.cite-ref-bundeszentrale-04-49-0[44] Eckart Voland widmete sich zusammen mit Johannes Johow den soziobiologischen Aspekten.cite-ref-bundeszentrale-05-50-0[45] Hertha Richter-Appelt, eine der Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Sexualforschung und Professorin fĂŒr Sexualwissenschaft an der Hamburger UniversitĂ€t, befasste sich mit GeschlechtsidentitĂ€t und -dysphorie.cite-ref-bundeszentrale-06-51-0[46] Ulrike Klöppel schrieb ĂŒber die Medikalisierung uneindeutiger Geschlechtercite-ref-bundeszentrale-11-52-0[47] und Michael Wunder fokussierte unter dem Titel Leben zwischen den Geschlechtern auf die Intergeschlechtlichkeit.cite-ref-bundeszentrale-07-53-0[48] Rainer Herrn betrachtete Transvestitismus und TranssexualitĂ€t historisch und sprach in seinem Titel die Ver-körperungen des anderen Geschlechts an.cite-ref-bundeszentrale-08-54-0[49] Susanne Schröter rundete das Thema mit ihrer ethnologischen Perspektive ebenso abcite-ref-bundeszentrale-09-55-0[50] wie Arn Sauer und Jana Mittag, die einen Blick auf den internationalen Kontext von GeschlechtsidentitĂ€t und Menschenrechte wagten.cite-ref-bundeszentrale-10-56-0[51]

Soziologische Aspekte

Laut Carolin KĂŒppers gibt es einen „common sense der Zweigeschlechtlichkeit in unserer Gesellschaft“, der „wenig Raum fĂŒr geschlechtliche Existenzweisen jenseits der binĂ€ren Kategorien“ lasse und „ein erstaunliches Beharrungspotenzial“ habe. Mit ihm gehe eine „soziale Verortung von MĂ€nnern und Frauen“ einher.cite-ref-kueppers-6-57-0[52]

Nachdem die Debatte ĂŒber den Begriff der GeschlechtsidentitĂ€t lĂ€ngst um die soziologische Dimension erweitert war, hat sich KĂŒppers im Jahr 2012 einer zusammenfassenden Betrachtung gewidmet. „Die Einteilung in zwei eindeutig voneinander zu unterscheidende Geschlechter [
] erscheint als ‚natĂŒrliche‘ und selbstverstĂ€ndliche Tatsache, stellt sich aber aus soziologischer Perspektive sehr viel komplexer dar.“cite-ref-kueppers-1-58-0[53] Auch unter naturwissenschaftlicher Betrachtung sei es, so KĂŒppers, „mehr als uneindeutig“, was genau die Geschlechterunterschiede markiere. Das Stereotyp der binĂ€ren Geschlechterverteilung verliere zwar an Bedeutung, sei jedoch „nach wie vor ĂŒberall prĂ€sent“. Dabei stelle sich – in Anlehnung an Paula-Irene Villa – die Frage, „wie ein verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig kleiner anatomischer Unterschied so große soziale Folgen haben“ könne:cite-ref-villa-59-0[54]

„Auf die Tendenz, die Differenzierung in zwei Geschlechter auf biologische Unterschiede zu reduzieren, haben angloamerikanische Feministinnen in den 1960er Jahren mit der Abgrenzung von sex und gender reagiert. Der Begriff sex wird in der Regel mit ‚biologisches Geschlecht‘ ĂŒbersetzt und anatomisch definiert. Der Begriff gender wird meist in der Bedeutung von ‚sozialem Geschlecht‘ verwendet und zielt auf die soziale Konstruktion von geschlechtsspezifischen Rollen und Attributen ab. Die Trennung von sex und gender hat enorme Vorteile gebracht, um gegen einen AlleinerklĂ€rungsanspruch der Geschlechterunterscheidung durch biologische Determination argumentieren zu können. Sie enttarnte gender als soziales Konstrukt und deckte auf, dass dichotome Geschlechterzuschreibungen, Geschlechterrollen und Hierarchisierungen historisch entstanden sind und durch gesellschaftliche Strukturierungen, Aushandlungen und Bedeutungszuschreibungen zustande kommen.“

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Carolin KĂŒppers

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Soziologische Dimensionen von Geschlecht

Allerdings werde, so KĂŒppers weiter, in der „aktuellen Geschlechtersoziologie“ die Unterscheidung in Sex und Gender „kaum noch verwendet“, weil sie sich „recht schnell als zu undifferenziert und damit als Nachteil“ erwiesen habe. Nach Kerrin Christiansencite-ref-christiansen-61-0[56] ist Geschlechtlichkeit eher „als ein Kontinuum denn als zwei klar zu unterscheidende Pole“ zu verstehen.cite-ref-kueppers-2-60-1[55] Die Biologin Sigrid Schmitz relativierte in diesem Zusammenhang die gĂ€ngige Überzeugung von der grĂ¶ĂŸeren ObjektivitĂ€t der Naturwissenschaften gegenĂŒber den Sozialwissenschaften: „Die Naturwissenschaft ist nicht objektiver als andere Wissenschaften, nur weil sie ihre Befunde in einem quantitativ-experimentellen Design reproduziert. Denn auch dieses Design ist von bestimmten theoretischen Vorannahmen geleitet, welche die Auswahl der Daten, ihre EinschlĂŒsse und Auslassungen und die Interpretationen der Befunde beeinflussen.“cite-ref-schmitz-62-0[57]

„Die Geschlechterordnung“ sei eine „wirkmĂ€chtige, herrschaftsdurchtrĂ€nkte soziale RealitĂ€t“, die „NormalitĂ€t“ und den „Zwang“ konstruiere, „sich dieser Norm zu unterwerfen“. Das war, seit sich der Mensch seiner eigenen Körperlichkeit bewusst wurde, schon immer und ĂŒberall so, wenn auch jeweils verschieden. Geschlecht sei „Teil des sozialen Körperwissens und der Normen der Geschlechterdichotomie“, so KĂŒppers. Mit Hilfe der Sprache wĂŒrden Menschen die Welt und damit auch Geschlechtlichkeit interpretieren, ihr „Blick auf die Welt“ werde aber „durch eine zeithistorische, spezifische Brille begrenzt“. Und weil im Diskurs ĂŒber Geschlechtlichkeit definiert werde, was als „normal“ zu gelten habe, werde zugleich „das, was als ‚anders‘ gilt, mit konstruiert“.cite-ref-kueppers-3-63-0[58]

Nachdem Simone de Beauvoir sich bereits im Jahr 1949 mit der Frage befasst hatte, was eine Frau zur Frau mache, hat in den 1970er Jahren die Frauenforschung damit begonnen, das Konzept der geschlechtsspezifischen Sozialisation unter dem Postulat zu entwickeln, das Private sei politisch. Seitdem ist der „geschlechtertheoretische Diskurs [
] eng mit der politischen Perspektive der Frauenbewegung verbunden“ und mit der Frage nach den „gesellschaftlichen MachtverhĂ€ltnissen [
] verknĂŒpft“. Im Rahmen ihrer Sozialisation „lernen Menschen, was es vor dem jeweiligen gesellschaftlichen Hintergrund bedeutet, eine Frau oder ein Mann zu sein“ und was in diesen Rollen von ihnen erwartet wird. Mit der Zuordnung zu einem Geschlecht „sind spezifische Wahrnehmungen, Zuschreibungen, Hierarchien und Vorannahmen verbunden“, die Einfluss auf die „soziale Interaktion“ nehmen. „Seit den 1990er Jahren“ wird nach KĂŒppers „die Vorstellung einer eindeutigen und stabilen geschlechtlichen IdentitĂ€t [
] hinterfragt“. Carol Hagemann-White habe „eine Abkehr vom Sozialisationsparadigma“ und der Annahme einer „Zweigeschlechtlichkeit“ vorgeschlagen und stattdessen auf „verschiedene kulturelle Konstruktionen von Geschlecht“ verwiesen.cite-ref-kueppers-4-64-0[59]

„Geschlecht ist nicht etwas, was wir haben, schon gar nicht etwas, was wir sind. Geschlecht ist etwas, was wir tun.“cite-ref-achs-65-0[60] KĂŒppers beschreibt, wie diese „These [
] unter dem Schlagwort des doing gender Eingang in die sozialwissenschaftliche Diskussion gefunden“ habe. Dabei dienten Handlungstheorien dazu, Einblick in jene VorgĂ€nge zu gewĂ€hren, mit denen sich Menschen „Normen, Regeln und Strukturen aneignen und handelnd weitergeben“ – in diesen ZusammenhĂ€ngen auf die Frage bezogen, wie Frauen und MĂ€nner ihre Geschlechtlichkeit zum Ausdruck bringen: „Doing gender funktioniert also sowohl ĂŒber das alltĂ€gliche Verhalten als auch ĂŒber die alltĂ€gliche Wahrnehmung.“ Sozialer Interaktion gehe stets eine Zuordnung des GegenĂŒbers zu einem Geschlecht voraus: „Ist die Zuschreibung erfolgt, werden die jeweiligen Einzelheiten der Interaktion eingeordnet und die richtigen Genitalien werden, da sie nicht sichtbar sind, unterstellt.“ Kann jemand keinem Geschlecht zugeordnet werden, „bekommen wir gravierende handlungspraktische Probleme“. Allerdings könnten Geschlechternormen zunehmend hinterfragt werden, was „den Spielraum fĂŒr nicht normative, geschlechtliche Existenzweisen“ eröffne.cite-ref-kueppers-5-66-0[61]

Soziobiologische Aspekte

Auch „groß angelegte Metastudien“ liefern „insgesamt nur wenige Belege fĂŒr Geschlechtsunterschiede im Verhalten“ von MĂ€nnern und Frauen.cite-ref-voland-5-67-0[62] Diesen Befund bringen Eckart Voland und Johannes Johow mit der in ihren Augen bedauerlichen Tatsache in Verbindung, dass sich diese Studien der „sokratischen Empfehlung“ enthielten, „die ‚Natur in ihre gewachsenen Teile‘ zu zerlegen“. WĂŒrden jedoch „die ‚gewachsenen Teile‘ identifiziert“, kĂ€me man „zu einem anderen Ergebnis“.cite-ref-bischof-hrdy-68-0[63] Dann ließen sich „sehr wohl Unterschiede [
] statistisch robust beschreiben“ und der „Schatten unserer evolutionĂ€ren Vergangenheit gerade auch in einer um Emanzipation bemĂŒhten Moderne aus[zu]leuchten“.cite-ref-voland-5-67-1[62]

Soziobiologie sei eine „Milieutheorie menschlichen Verhaltens [
] auf genetischer Basis“.cite-ref-voland-4-69-0[64] Voland und Johow halten bei ihren soziobiologischen Betrachtungen der GeschlechtsidentitĂ€t die „Unterteilung in ‚mĂ€nnlich‘ und ‚weiblich‘“ mit Verweis auf die Evolutionsgeschichte fĂŒr grundsĂ€tzlich berechtigt. Sie wollen „eine Unterscheidung der Geschlechter [
] versuchen, um trotz aller Gemeinsamkeiten von MĂ€nnern und Frauen vielleicht doch einige Unterschiede zu entdecken, die als Resultat biologischer Anpassungsprozesse bedeutsam sind“.cite-ref-voland-1-70-0[65]

„Um zu zeigen, dass die Unterteilung in ‚weiblich‘ und ‚mĂ€nnlich‘ – fernab von der teilweise haarstrĂ€ubenden populĂ€r-wissenschaftlichen ‚Aufbereitung‘ wissenschaftlicher Erkenntnisse – tatsĂ€chlich ihre Berechtigung hat, lohnt ein kurzer Exkurs in die Naturgeschichte der SexualitĂ€t.“

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Voland & Johow

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Geschlecht und Geschlechterrolle: Soziobiologische Aspekte

Dabei beziehen sich die Autoren unter anderem auf Lise Eliot, die sich im Jahr 2011 mit den Trouble with Sex Differences (deutsch: Schwierigkeiten mit den Geschlechterunterschieden) befasste.cite-ref-eliot-71-0[66] Seit Darwin lasse sich „die menschliche Natur nicht mehr aus der gemeinsamen Geschichte aller Lebewesen ausklammern“. Sie alle und damit auch die Menschen seien auf „bestmögliche Reproduktion“ eingestellt: „Die verhaltenssteuernde Maschinerie unseres Gehirns produziert biologisch nĂŒtzliche ReprĂ€sentationen der Welt und Emotionen, die uns – Risiken meidend, Chancen nutzend – gleichsam einem Navigationssystem vergleichbar durchs Leben fĂŒhren.“cite-ref-voland-2-72-0[67]

Fortpflanzung und SexualitĂ€t seien „zwei völlig unterschiedliche Prozesse“ – Vermehrung einerseits und „Austausch von genetischer Information“ andererseits –, die ursprĂŒnglich voneinander unabhĂ€ngig abliefen und sich erst spĂ€ter „evolutionĂ€r verkoppelt“ hĂ€tten. Dies habe bei fast allen Wirbeltieren „Vermehrung durch Sex“ hervorgebracht.cite-ref-voland-2-72-1[67]

„WĂ€hrend die weibliche Seite eher durch Risikoaversion, höheren Standards bezĂŒglich der Partnerwahl und weniger variablen EntwicklungsverlĂ€ufen gekennzeichnet ist, kann die mĂ€nnliche Seite eher mit Attributen wie sexueller Opportunismus, sexuelle und soziale Risikobereitschaft, breitere phĂ€notypische Diversifikation auch in mentalen Aspekten des Lebensvollzugs beschrieben werden.“

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Voland & Johow

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Geschlecht und Geschlechterrolle: Soziobiologische Aspekte

Es sei „gewöhnungsbedĂŒrftig“, so die Autoren, „sich das Genom als ein Schlachtfeld fĂŒr genetische Konflikte zwischen mĂ€nnlichen und weiblichen Genen [
] vorzustellen“, zugleich aber „sehr erhellend“. Damit hatte sich Richard Dawkins in seinem Buch Das egoistische Gencite-ref-dawkins-73-0[68] ausfĂŒhrlich befasst. Voland und Johow sind ĂŒberzeugt, dass ein „evolutionĂ€rer Friedensschluss im ewigen ‚Krieg der Geschlechter‘ [
] aus soziobiologischer Sicht nicht denkbar“ sei. Stets handele es sich um „sehr brĂŒchige Kompromisse eines profunden Interessenskonflikts, den keine Seite endgĂŒltig gewinnen“ könne. So gesehen sei Geschlechterdifferenz „ein fester Bestandteil der menschlichen Natur“. Es sei, als spiele Kultur mit dieser Differenz, „aber entgegen eines weit verbreiteten MissverstĂ€ndnisses konstruieren Kulturen nicht diese Differenz.“cite-ref-voland-2-72-3[67]

Mutationen oder BeschĂ€digungen einzelner Gene hĂ€tten mögliche Abweichungen zur Folge, die sich jedoch „innerhalb der menschlichen Bevölkerung mit zwei Prozent aller Geburten nur relativ selten“ finden. Kinder, die sich nach der Geburt Ă€ußerlich nicht einem Geschlecht zuordnen lassen, gelten als intersexuell und machen „unter 0,2 Prozent aller Geburten“ aus, so Leonart Sax in seiner Antwort an Anne Fausto-Sterling.cite-ref-sax-74-0[69]cite-ref-ethikrat-2-75-0[70] Jenseits dieser seltenen Besonderheiten sei die sexuelle Entwicklung weiteren EinflĂŒssen ausgesetzt, zu denen unter anderem der Hormonstatus gehöre. Der werde durch die unterschiedlichsten Faktoren gesteuert. Es lasse sich feststellen, „dass ein Ă€ußerst komplexer Entwicklungspfad vom Geschlechtschromosom zur GeschlechtsidentitĂ€t“ verlaufe. Insofern sei Geschlecht „gar nicht so eine eindeutige Kategorie“, wie oft angenommen werde.cite-ref-voland-3-76-0[71]

FĂŒr die FĂ€higkeit der beiden Geschlechter, vielfĂ€ltige „Verhaltensstrategien“ auszubilden, werden in der Regel sowohl genetische Anlagen als auch Umweltfaktoren verantwortlich gemacht. Beide wĂŒrden sich „nicht unabhĂ€ngig voneinander betrachten“ lassen. „Bei kaum einem anderen Thema wird die Anlage-Umwelt-Debatte in der breiteren Öffentlichkeit so leidenschaftlich wie ergebnislos gefĂŒhrt wie im Bereich von sex und gender“. Dabei sei „die Debatte im Kern theoretisch weitgehend gelöst“, wie Voland und Johow in Anlehnung an Adolf Heschl feststellen.cite-ref-heschl-77-0[72] Dennoch wĂŒrden „‚Kulturisten‘ und ‚Biologisten‘ unversöhnlich aufeinandertreffen“, weil „nicht gut verstanden“ sei, dass „Anlage und Umwelt nicht additiv“, sondern „synergetisch“ wirksam wĂŒrden. Dabei brĂ€chten die „in den Genen festgeschriebenen BauplĂ€ne“ in AbhĂ€ngigkeit von Umweltbedingungen in Erleben und Verhalten des Menschen Strategien hervor, die ihrerseits auf die Umgebung Einfluss nĂ€hmen. „HĂ€ufig“ werde allerdings ĂŒbersehen, „dass in den biologischen InformationstrĂ€gern die ‚Reaktionsnorm‘ des Organismus auf je verschiedene Umweltfaktoren festgeschrieben“ sei. Deswegen könne die „Umwelt den sich entwickelnden Organismus auch nicht gleichsam ‚nach eigenen Regeln‘ konstruieren“. In dieser „Angelegenheit“ habe das „letzte Wort“ die „Erbinformation“.cite-ref-voland-4-69-1[64]

Juristische Aspekte

Nachdem die Bundesregierung den Deutschen Ethikrat beauftragt hatte, sich mit dem Thema IntersexualitĂ€t zu befassen, kam es am 23. Februar 2012 zu entsprechenden Empfehlungen.cite-ref-ethikrat-stellungnahme-78-0[73] Danach sollte „fĂŒr Menschen mit uneindeutigem Geschlecht die Kategorie ‚anderes‘ im Personenstandsrecht vorgesehen werden.“cite-ref-bundeszentrale-02-79-0[74] Im Jahr 2011 hatte das Bundesverfassungsgericht einige Regelungen des Transsexuellengesetzes fĂŒr verfassungswidrig erklĂ€rt und unter anderem eine Änderung des Eintrages im Personenstandsregister „auch ohne körperliche, operative ‚Angleichung‘ zugelassen“.cite-ref-bundeszentrale-01-47-1[42] Das Personenstandsgesetz wurde mit Wirkung zum 1. November 2013 geĂ€ndert. Zwar lĂ€sst das Gesetz auch weiterhin keinen Eintrag fĂŒr IntersexualitĂ€t zu, doch wenn eine eindeutige Zuordnung zu einem der beiden vorgesehenen Geschlechter nicht möglich ist, kann ein entsprechender Eintrag im Geburtenregister entfallen.

Laura Adamietz wertet fĂŒr ihren Aufsatz mit dem Titel GeschlechtsidentitĂ€t im deutschen Recht eine Reihe von wissenschaftlichen Veröffentlichungen aus, die zum Teil auch anderen Disziplinen als der Rechtswissenschaft entstammen. Dabei wĂ€re zu berĂŒcksichtigen, dass manche ihrer Aussagen aus dem Jahr 2012 durch die Änderung des Personenstandsgesetzes im Jahr 2013 ĂŒberholt sind. Adamietz sieht in den neuen Entwicklungen zu diesem Thema eine „Herausforderung fĂŒr das Rechtssystem“.cite-ref-adamietz-01-80-0[75] In Deutschland unterliege es „rechtlicher Regulierung“ ebenso, wie in anderen LĂ€ndern, „ob und wie GeschlechtsidentitĂ€t ausgelebt werden darf“. Gleichwohl werde „weder Geschlecht noch GeschlechtsidentitĂ€t [
] vom Recht definiert“.cite-ref-adamietz-02-81-0[76] „Rechtsvorschriften“ wĂŒrden immer seltener „an das Geschlecht“ anknĂŒpfen und wenn, dann allgemein im Zusammenhang mit dem Diskriminierungsverbot und speziell in zwei FĂ€llen:

„Bei der Entscheidung, ob zwei Menschen (wegen der Verschieden- beziehungsweise Gleichgeschlechtlichkeit ihrer Verbindung) heiraten oder sich ‚verpartnern‘ können, und in Artikel 12a GG (Wehrpflicht nur fĂŒr MĂ€nner).“

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Laura Adamietz

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GeschlechtsidentitÀt im deutschen Recht

Allerdings halte „das Recht an der Bedeutsamkeit der Frage“ fest, „wer eigentlich welches Geschlecht“ habe, und zwar fĂŒr die EintrĂ€ge in Reisepass, Geburtsurkunde und Geburtenregister. Es erklĂ€re aber weder, „was Geschlecht ist, noch, wie die Geschlechtszugehörigkeit festzustellen“ sei. Adamietz empfiehlt, „im deutschen Rechtsdiskurs“ von GeschlechtsidentitĂ€t „zu sprechen, wenn tatsĂ€chlich das individuelle Geschlechtszugehörigkeitsempfinden allein und nicht (auch) die sexuelle Orientierung gemeint“ sei. Das entspreche „auch dem Sprachgebrauch des BVerfG“.cite-ref-adamietz-02-81-2[76]

Der „Schutz von GeschlechtsidentitĂ€t“ werde trotz aller von den Betroffenen erlebten Diskriminierung „nicht im Antidiskriminierungsrecht“ geregelt, „sondern anlĂ€sslich der Frage der personenstandsrechtlichen Anerkennung dieser ‚abweichenden‘ GeschlechtsidentitĂ€t verhandelt“. Dabei wĂ€re nach Adamietz zu bedenken, „dass man an das Geschlecht, das einem bei Geburt zugewiesen wurde, gebunden“ sei. Man könne „dieses ‚rechtliche Geschlecht‘ nicht ohne Weiteres [
] Ă€ndern“, obwohl sich die „GeschlechtsidentitĂ€t eines Menschen [
] bei dessen Geburt [
] nicht erkennen“ lasse, da sie sich erst „im Laufe seines Lebens“ entwickele. Die „beiden HauptanwendungsfĂ€lle eines Rechts auf (ungestörtes Ausleben der) GeschlechtsidentitĂ€t“ wĂŒrden „danach unterschieden, ob sie auf einer angeborenen körperlichen Besonderheit beruhen oder nicht“.cite-ref-adamietz-03-82-0[77]

Der „Schauplatz der AnerkennungskĂ€mpfe von TransidentitĂ€ten“ sei das Transsexuellengesetz (TSG) und es sei „wie jedes Gesetz ein Kind seiner Zeit“. Die dort verwendeten Begriffe entsprĂ€chen dem „Sprachgebrauch der Entstehungszeit (1980)“ und gĂ€ben zu erkennen, „dass dem TSG das damals durchaus zeitgemĂ€ĂŸe Konzept ‚TranssexualitĂ€t‘ zugrunde“ gelegen habe. Es habe „auf einer (pathologisierenden) Vorstellung von TransidentitĂ€t als psychischer Störung“ aufgebaut, die an einige „SchlĂŒsselsymptome geknĂŒpft“ gewesen sei. Inzwischen habe „die Sexualforschung diese Diagnostik revidiert“ und neue Begriffe hĂ€tten sich etabliert. Auch sei es „zu Revisionen des TSG durch das BVerfG“ gekommen, das bis 2012 acht Mal „mit Fragen von TransidentitĂ€t“ befasst gewesen sei.

Dennoch bleibe „noch Einiges zu tun“. Adamietz meint, „temporĂ€re Geschlechtswechsel sollten Teil einer möglichen und anerkennungsfĂ€higen TransidentitĂ€t sein“, aber dafĂŒr biete „das TSG mit seiner jetzigen Voraussetzung der Dauerhaftigkeit keinen Raum“. Zwar seien Änderungen „so niederschwellig wie nie“ möglich, aber einfach sei ein „rechtlicher Geschlechtswechsel dennoch nicht“. Den Betroffenen werde noch immer „ein langwieriges und kostspieliges Verfahren“ auferlegt. Auch befĂŒrchtet sie, „dass sich die ohnehin schon problematische Gutachterpraxis“ verschĂ€rfen könnte, gibt aber zugleich ihrer Hoffnung Ausdruck, „dass das TSG in einer GesamtĂŒberarbeitung noch von weiteren diskriminierenden, aber bisher noch nicht angegriffenen Regelungen bereinigt“ werde.cite-ref-adamietz-04-83-0[78]

In einem gesonderten Abschnitt befasst sich Adamietz ausfĂŒhrlich mit den gesetzlichen Regelungen zum Thema IntersexualitĂ€t. Auch hierbei gehe es „um die Anerkennung einer normabweichenden Geschlechtszugehörigkeit“. Zwar sei mit der „EinfĂŒhrung des BĂŒrgerlichen Gesetzbuches (BGB)“ der Begriff des „Zwitters“ aus dem „deutschen Rechtssystem verschwunden“, doch sei „die Eintragung eines weder mĂ€nnlichen noch weiblichen Geschlechts in Geburtsregister, -urkunde und Pass [
] bisher noch nicht erreicht“ worden. Allerdings wĂŒrden sich aufgrund der „öffentliche[n] Aufmerksamkeit“ inzwischen Bundestag, Landesparlamente und „jĂŒngst der Deutsche Ethikrat im Auftrag der Bundesregierung“ mit dieser Thematik beschĂ€ftigen – noch ohne gesetzgeberische „Initiative“. Deswegen hofft Adamietz, dass das BVerfG auch hier „zum Wegbereiter“ werde. „Nach heutigem Recht“ gelte, „dass das Geschlecht eines Menschen registriert werden“ und im Geburtsregister ein „binĂ€r codiertes Geschlecht“ eingetragen werden mĂŒsse. Auch bestehe „Regelungsbedarf“, weil immer noch „Kinder mit uneindeutigen Genitalien an diesen operiert“ wĂŒrden, „bevor sie EinwilligungsfĂ€higkeit erlangt“ hĂ€tten. Das Bundesverfassungsgericht habe, so Adamietz, mit seiner „achten Entscheidung zur TransidentitĂ€t [
] die Rechtskategorie ‚Geschlecht‘ auf radikale Weise dekonstruiert und denaturalisiert, indem es ihr die Notwendigkeit einer körperlichen Basis abgesprochen“ habe.cite-ref-adamietz-05-84-0[79]

Die rechtspolitische Diskussion befasse sich, so Adamietz zusammenfassend, mit „der straf-, medizin- und sorgerechtlichen Regulierung“ im Rahmen vielfĂ€ltiger Fallkonstruktionen. Dabei werde „der Ruf nach der Möglichkeit“ eines Geschlechtseintrages laut, „der weder mĂ€nnlich noch weiblich“ definiert wĂ€re. Damit solle „zwischengeschlechtlichen Identifikationen“ eine „rechtliche Anerkennung“ verliehen werden. FĂŒr „vielversprechender“ hĂ€lt Adamietz eine „Utopie, auf die Geschlechtszuweisung und -erfassung ganz zu verzichten“ und fragt: „Wozu braucht das Recht ‚Geschlecht‘?“cite-ref-adamietz-06-85-0[80]

Sexualwissenschaftliche Aspekte

„GeschlechtsidentitĂ€t wird thematisiert, wenn Unsicherheit auftritt“.cite-ref-richter-1-86-0[81] Auf diese einfache Formel bringt die Psychoanalytikerin und Sexualwissenschaftlerin Hertha Richter-Appelt in ihrem Artikel GeschlechtsidentitĂ€t und -dysphorie die öffentliche Diskussion zum Thema. Verunsicherung könne entstehen, wenn beispielsweise Unfruchtbarkeit Fragen aufwerfe, Körper und Körpererleben nicht ĂŒbereinstimmten oder Irritationen auftauchten, weil der Körper nicht eindeutig als mĂ€nnlich oder weiblich zu identifizieren sei.

Auch Richter-Appelt erwĂ€hnt, dass in der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts eine „binĂ€re Vorstellung von Geschlecht [
] das Denken“ bestimmt habe. Ziel medizinischen und psychologischen Wirkens sei „eine stabile mĂ€nnliche oder weibliche GeschlechtsidentitĂ€t“ gewesen. Dabei wurden „Begriffe der psychosexuellen Entwicklung“, wie BinaritĂ€t oder GeschlechtsidentitĂ€t weder „definiert“ noch „hinterfragt“ und „uneinheitlich verwendet“.cite-ref-richter-1-86-1[81]

Da sich an der uneinheitlichen Verwendung der Begriffe nicht viel geÀndert habe, schlÀgt Richter-Appelt folgende Definitionen vor:cite-ref-richter-1-86-2[81]

‱ geschlechtstypisches Verhalten: „bei einem Geschlecht hĂ€ufig beobachtete Verhaltensweisen“.
‱ geschlechtsspezifisches Verhalten: tritt „jeweils nur bei einem Geschlecht auf“ (z. B. Stillen eines Kindes)
‱ Geschlechtsrolle: „Gesamtheit der kulturell erwarteten, als angemessen betrachteten und zugeschriebenen FĂ€higkeiten, Interessen, Einstellungen und Verhaltensweisen des jeweiligen Geschlechts“. All dies unterliege „einem Wandel innerhalb der und zwischen den Kulturen“.
‱ GeschlechtsidentitĂ€t: „das subjektive GefĂŒhl eines Menschen, sich als Mann oder Frau (oder dazwischen) zu erleben“. Ein solches GefĂŒhl finde sich „zu allen Zeiten und in allen Kulturen“.
‱ GeschlechtsrollenidentitĂ€t: „die öffentliche Manifestation der GeschlechtsidentitĂ€t einer bestimmten Person in einem bestimmten Rollenverhalten“. Damit werde „alles, was eine Person sagt oder tut“ zusammengefasst, was zeigen soll, ob und wie weit sich jemand welchem Geschlecht „zugehörig erlebt“.
‱ Sexuelle IdentitĂ€t: „das subjektive Erleben einer Person als hetero-, homo-, bi- oder asexuell“.
‱ Sexuelle PrĂ€ferenz: „beschreibt, wodurch eine Person sexuell erregt wird“.
‱ Sexuelle Orientierung: betrifft „die Partnerwahl“. Meist stimme sie „mit der sexuellen IdentitĂ€t ĂŒberein.“

AusfĂŒhrlich befasst sich Richter-Appelt mit der Inter- und der Transgeschlechtlichkeit. Unter dem Begriff der IntersexualitĂ€t „werden eine Reihe unterschiedlicher PhĂ€nomene zusammengefasst, bei denen die geschlechtsdeterminierenden und -differenzierenden Merkmale des Körpers (Chromosomen, Gene, KeimdrĂŒsen, Hormone, Ă€ußere Geschlechtsorgane und Geschlechtsmerkmale) nicht alle dem gleichen Geschlecht entsprechen.“cite-ref-richter-1-86-3[81] DarĂŒber hat die Autorin gesondert veröffentlicht.cite-ref-richter-p1-87-0[82] Bei den „verschiedenen Formen der IntersexualitĂ€t“ stelle die „Vorhersage der GeschlechtsidentitĂ€t“ ein „besonderes Problem“ dar. Personen mit IntersexualitĂ€t seien „in ihrem Geschlechtserleben oft nicht eindeutig“ und wĂŒrden deshalb auch keine Eindeutigkeit zum Ausdruck bringen. IntersexualitĂ€t wird als „Störung der Geschlechtsentwicklung“ verstanden, was von „den Betroffenen [
] kritisiert“ werde. Diese Menschen seien „oft bereits in der frĂŒhen Kindheit einem Geschlecht zugewiesen (gender allocation) und körperlich angeglichen (sex assignment)“ worden – in der „Hoffnung, auch die Entwicklung einer ungestörten, dem angepassten Geschlecht entsprechende GeschlechtsidentitĂ€t zu gewĂ€hrleisten“.cite-ref-richter-quelle-88-0[Anm. 6]

Über die Frage, wann von TranssexualitĂ€t gesprochen werden kann, herrscht Uneinigkeit. Personen mit TranssexualitĂ€t wĂŒrden, so Richter-Appelt „in der Regel den gesunden mĂ€nnlichen oder weiblichen Körper dem subjektiv erlebten Geschlecht mehr oder minder anpassen“ wollen. „Seit die geschlechtsanpassenden Operationen keine notwendige Voraussetzung fĂŒr eine PersonenstandsĂ€nderung mehr darstellen, kann ein deutlicher RĂŒckgang beziehungsweise eine verzögertes Anstreben genitalchirurgischer Eingriffe vor allem bei Ă€lteren Personen beobachtet werden.“ Der Begriff TranssexualitĂ€t werde kritisiert, weil es nicht um SexualitĂ€t, sondern um IdentitĂ€t gehe und so werde hĂ€ufig von TransidentitĂ€t oder Transgender gesprochen. „Im internationalen medizinischen Klassifikationssystem“ (ICD) sei „von einer Störung der GeschlechtsidentitĂ€t“ die Rede. Eine sogenannte Geschlechtsdysphorie (siehe Dysphorie und GeschlechtsidentitĂ€tsstörung) hĂ€tten Inter- oder Transsexuelle, die unter einer „Irritation des subjektiven Geschlechtserlebens“ leiden,cite-ref-richter-1-86-4[81] was aber nicht bei allen der Fall sei.

Zur Entwicklung der GeschlechtsidentitĂ€t als einem Aspekt „des IdentitĂ€tserlebens“ – also der Frage „Wer bin ich?“ – erinnert Richter-Appelt an zahlreiche EinflussgrĂ¶ĂŸen, die an ihrer Herausbildung beteiligt sind: „Körperlich-biologische Faktoren“ ebenso wie „psychische und soziale Bedingungen“, aber auch „Hormone als Folge von genetischen und epigenetischen PrĂ€dispositionen“ neben „Erziehungsmaßnahmen der Eltern und Identifizierungen und Selbstkategorisierungen des Kindes.“ Hinzu kĂ€men „kulturelle Normen und Geschlechtsrollenerwartungen“.cite-ref-richter-2-89-0[83]

Das medizinische und psychologische Handeln Mitte des 20. Jahrhunderts wurde in spĂ€teren Jahren teilweise harsch kritisiert. Dazu erinnert Richter-Appelt daran, „wie sehr Menschen mit entweder nicht eindeutigem Geschlecht, aber auch diejenigen Menschen, die den Körper als nicht ihrem Geschlecht entsprechend empfanden, darunter gelitten haben.“ Ärzte und Psychologen „verfolgten das Ziel, dieses Leid zu lindern.“ Den Konzepten dieser Zeit lag „ein binĂ€res VerstĂ€ndnis von Geschlecht zugrunde“, dem „Therapeuten, Endokrinologen und Chirurgen“ ebenso wie Psychoanalytiker unterlagen. „Erfahrungen der vergangenen Jahre“, so stellt Richter-Appelt fest, „haben uns eines Besseren belehrt“. In der Psychoanalyse des 21. Jahrhunderts gehe es „um eine multifaktorielle Determinierung des IdentitĂ€tserlebens, das sehr viel vielfĂ€ltiger ausfallen kann als ausschließlich mĂ€nnlich oder weiblich.“cite-ref-richter-3-90-0[84]

FĂŒr die Entwicklung der GeschlechtsidentitĂ€t gehe man inzwischen davon aus, „dass sie in vielen FĂ€llen weitgehend konfliktfrei erlebt wird“. In anderen FĂ€llen könne es „zu unterschiedlichen Zeitpunkten der Entwicklung [
] zu einem Hinterfragen, zu einer Dysphorie kommen“. Irritationen könnten „sowohl durch biologische Faktoren, die bisher nur wenig bekannt sind, etwa genetische, hormonelle Prozesse, durch Erfahrungen im Umgang mit dem Körper, durch Selbst- und Fremdkategorisierungen und entwicklungsbedingte Konflikte, vor allem aber durch Beziehungserfahrungen beeinflusst werden.“cite-ref-richter-3-90-1[84]

„Ein zentrales Thema in der psychoanalytischen Auseinandersetzung mit der Entwicklung der GeschlechtsidentitĂ€t ist die Frage der Beziehungsgestaltung. Bereits in der Kindheit wird die Grundlage gelegt, welche Beziehungen im Laufe des Lebens gelebt werden können. Sowohl die Psychoanalyse wie auch die Bindungstheorie nehmen an, dass frĂŒhe Beziehungserfahrungen wichtig sind fĂŒr das GeschlechtsidentitĂ€tserleben. Supportives, responsives Verhalten und prĂ€sente Bezugspersonen in der Kindheit sind Grundlage fĂŒr ein selbstsicheres IdentitĂ€tserleben.“

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Hertha Richter-Appelt

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GeschlechtsidentitÀt und -dysphorie

Das Kind nimmt in seinen ersten Lebensjahren, die eigene „Körperlichkeit“ gleichsam in Besitz; es komme, wie Richter-Appelt es nennt, zu dem „Entwurf einer Topografie lustvoller Erfahrungen“. Unter Abweichungen wĂŒrden in der Regel zunĂ€chst nicht die Kinder leiden, sondern ihre Eltern. Treten Abweichungen auf, seien die Kinder EinflĂŒssen ausgesetzt, die Angst erzeugen können, nicht angenommen oder „nicht begehrt“ zu werden. Dadurch könne es „zu einer Verunsicherung in der IdentitĂ€tsentwicklung“ kommen.cite-ref-richter-4-91-1[85] Das „Erleben der Andersartigkeit“ könne „schon frĂŒh zu einer Vereinsamung fĂŒhren“. Andererseits habe sich gezeigt, „dass ein toleranter Umgang mit nicht geschlechtsspezifischen Interessen und Verhaltensweisen zu einer stabileren Entwicklung des Selbst fĂŒhren kann und dann die so oft befĂŒrchtete Stigmatisierung als weniger traumatisierend erlebt“ werde. „Ein bewusster und offener Umgang mit der spezifischen Situation und die Akzeptanz des Kindes in seiner Besonderheit könnten die Grundlage fĂŒr eine möglichst ungestörte Entwicklung darstellen.“cite-ref-richter-5-92-0[86]

Medizinhistorische Aspekte

„Obwohl sich Organisationen intergeschlechtlicher Menschen dagegen seit Langem wehren, gilt ein – gemessen an der Norm des mĂ€nnlichen und weiblichen Geschlechts – ‚uneindeutiges‘ Geschlecht noch immer als krankhaft und behandlungsbedĂŒrftig. Medizinische AutoritĂ€t, Glaube an die medizinisch-technische Machbarkeit, gesellschaftlicher Anpassungsdruck und die Haltung der Politik bilden ein Konglomerat, das ein Umdenken verhindert – auf Kosten der körperlichen Unversehrtheit und des Selbstbestimmungsrechts intergeschlechtlicher Menschen.“

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Ulrike Klöppel

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Medikalisierung ‚uneindeutigen‘ Geschlechts

Mit diesen Worten leitet Klöppel „fĂŒr den deutschsprachigen Raum“ ihre medizinhistorischen Betrachtungen zu der Frage ein, wie sich „die medizinische Definitionsmacht ĂŒber IntersexualitĂ€t historisch durchsetzen“ konnte. „Zentral dafĂŒr war [
] die Konstruktion der ‚GeschlechtsidentitĂ€t‘ als psychischer EntitĂ€t Mitte des 20. Jahrhunderts.“cite-ref-kloeppel-1-93-1[87]

Bereits im 16. Jahrhundert habe es die ersten „Versuche der Medikalisierung ‚uneindeutigen‘ Geschlechts“ gegeben. Klöppel versteht darunter den „selbstproklamierte[n] Anspruch der Ärzte“, nur sie seien befĂ€higt, in zweifelhaften FĂ€llen eine „Geschlechtszuweisung [
] vorzunehmen“. Die ZweifelsfĂ€lle wĂ€ren seinerzeit Hermaphroditen genannt worden. Ihre Zuweisung zu einem der beiden eindeutigen Geschlechter sei „eine Frage wissenschaftlicher Wahrheit [
], dessen Lösung genaue anatomische Kenntnisse erfordere und folglich in die alleinige ZustĂ€ndigkeit akademisch geschulter Heilkundiger gehöre“. Dieser Anspruch der Ärzte sei jedoch „bis ins 19. Jahrhundert hinein“ ohne „praktische Konsequenzen“cite-ref-kloeppel-2-94-0[88] geblieben und sei möglicherweise der „im deutschsprachigen Raum uneinheitliche[n] Rechtslage“ geschuldet.

„Der Bayerische Codex Maximilianeus Civilis von 1756 schrieb vor: ‚Hermaphroditen werden dem Geschlecht beygezehlt, welches nach Rath und Meinung deren VerstĂ€ndigen vordringt; falls sich aber die Gleichheit hierin bezeigt, sollen sie selbst eines erwĂ€hlen, und von dem ErwĂ€hlten sub Poena Falsi (unter Drohung der Strafe fĂŒr Meineid, U. K.) nicht abweichen.‘“

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Ulrike Klöppel

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Medikalisierung ‚uneindeutigen‘ Geschlechts

Daneben sah auch „Paragraf 20 des Allgemeinen Landrechts fĂŒr die Preußischen Staaten von 1794“ ein „Wahlrecht fĂŒr erwachsene Hermaphroditen“ vor – ebenfalls ohne Pflicht, einen SachverstĂ€ndigen zu befragen. „Nur in rechtlichen StreitfĂ€llen war ein SachverstĂ€ndigenurteil erforderlich“. Über den Beruf der SachverstĂ€ndigen hĂ€tten beide Gesetze jedoch nichts ausgesagt, so dass auch Hebammen „von Gerichten herangezogen werden“ konnten. Diese allerdings seien nach den sogenannten Hebammenordnungen verpflichtet gewesen, „im Falle von ‚Missgeburten‘, zu denen auch Hermaphroditen zĂ€hlten, einen Arzt hinzuzuziehen“, was in der Praxis aber kaum geschehen sei. So bringt Klöppel den Anspruch der Ärzte, „nur sie seien fĂ€hig und befugt, die Geschlechtszuweisung von Hermaphroditen vorzunehmen“ mit dem Versuch in Verbindung, „auf diese Weise ein weiteres ZustĂ€ndigkeitsfeld gegenĂŒber der Konkurrenz der Hebammen, Barbiere und der nicht akademisch ausgebildeten Chirurgen hinzuzugewinnen“.cite-ref-kloeppel-2-94-2[88]

Nach der GrĂŒndung des Deutschen Reichs im Jahr 1871 habe sich die „rechtliche Situation von Hermaphroditen [
] komplett“ geĂ€ndert. Das Personenstandsgesetz wurde eingefĂŒhrt und ihr „Geschlechtswahlrecht“ entfiel. Die Gesetze sahen eine eindeutige Zuordnung zu einem Geschlecht vor, obwohl „fĂŒhrende Wissenschaftler davon aus[gingen], dass es ein Kontinuum der Geschlechter gebe, in welchem die verschiedenen Varianten des Hermaphroditismus die Zwischenstufen verkörperten“. Zu den Vertretern dieser Position gehörte Rudolf Virchow. Er habe, gemeinsam mit anderen gefordert, „dass der Gesetzgeber eine Lösung fĂŒr die standesamtliche Registrierung solcher Menschen schaffen mĂŒsse“ und das Geschlechtswahlrecht wieder eingefĂŒhrt werde. VorstĂ¶ĂŸe einiger Juristen, „die Rechtslage zu Ă€ndern, konnten sich nicht durchsetzen“. Das Recht forderte „eine eindeutige Zuweisung, ĂŒberließ aber der Medizin, die Beurteilungskriterien dafĂŒr festzulegen“. So hĂ€tten die Ärzte „tatsĂ€chlich die Rolle, die sie seit dem 16. Jahrhundert gefordert hatten“ erhalten. Dazu habe auch der RĂŒckgang der Hausgeburten beigetragen. Sie waren um das Jahr 1900 „vorherrschend“ gewesen. „Klinikentbindungen“ stiegen in den folgenden 30 Jahren auf „ungefĂ€hr 50 Prozent“ und betrugen 1970 „fast 100 Prozent“.cite-ref-kloeppel-3-95-0[89]

„FĂŒr die tatsĂ€chliche Durchsetzung der medizinischen Expertenstellung war [
] die Entwicklung ab Mitte des 20. Jahrhunderts entscheidend.“ IntersexualitĂ€t sei der „nun gĂ€ngige Terminus“ gewesen. Von der Ärzteschaft in Deutschland sei beklagt worden, „dass es keine wissenschaftlichen Kriterien fĂŒr die Geschlechtszuweisung von Intersexuellen“ gebe, weshalb die Mehrzahl vorgeschlagen habe, „Àrztliche Eingriffe am ‚subjektiven‘ Geschlecht zu orientieren“ und „genitalplastische“ Operationen im Kindesalter zu versagen, auch „wenn die Eltern dies wĂŒnschten“. Technisch war es inzwischen „kein Problem mehr [
], ‚uneindeutige‘ Genitalien chirurgisch und hormonell an die mĂ€nnliche respektive weibliche Norm anzugleichen“. Geschah dies auf Wunsch der Eltern „in einzelne[n] FĂ€llen“ doch, habe sich „scharfe Kritik“ in der Ärzteschaft geregt, obwohl „Genitalplastiken im Kindesalter“ aus anderen GrĂŒnden als der IntersexualitĂ€t „keineswegs grundsĂ€tzlich tabu“ gewesen seien. Es war empfohlen, „bei intersexuellen Kindern mit chirurgischen Eingriffen bis mindestens in die PubertĂ€t abzuwarten“ – „bis die seelische Einstellung erkennbar“ wĂ€re.cite-ref-kloeppel-4-96-0[90]

Anders habe es in Übersee ausgesehen, wo „am Baltimorer Johns Hopkins Hospital in den USA Genitaloperationen an intersexuellen Kindern bereits systematisch durchgefĂŒhrt“ worden seien. Die operierten Kinder wĂ€ren von einer „Forschungsgruppe um den Psychologen John Money“ untersucht worden.

„Sie kam zu dem Ergebnis, dass sich im Babyalter operierte und eindeutig als MĂ€dchen oder Jungen erzogene Personen mit ihrer Geschlechtsrolle identifizierten, ein angepasstes Verhalten und heterosexuelle Orientierung zeigten, und zwar selbst dann, wenn die Zuweisung nicht mit dem biologischen Geschlecht ĂŒbereinstimmte. Daraus leitete die Forschungsgruppe die Theorie ab, dass die PsychosexualitĂ€t durch die Geschlechtszuweisung, die Erziehung und das Körperbild geprĂ€gt wĂŒrden. Eine Einflussnahme sei aber nur in der kritischen Phase der ersten beiden Lebensjahre möglich, danach identifiziere sich das Kind irreversibel als mĂ€nnlich oder weiblich.“

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Ulrike Klöppel

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Medikalisierung ‚uneindeutigen‘ Geschlechts

Die Überzeugungen der Mediziner in Deutschland, die „psychosexuelle Entwicklung“ dieser Kinder sei „nicht vorhersagbar“, sind laut Klöppel mit diesen Forschungsergebnissen „theoretisch und praktisch infrage gestellt“ worden. Den neuen Erkenntnissen hĂ€tten sie sich „nicht auf Dauer widersetzen“ können. Money habe ein theoretisches Modell entwickelt, nachdem die „frĂŒhkindliche soziale PrĂ€gung“ mit der „prĂ€natale[n] Hormonkonstellation“ interagiere, was „schließlich auch die verbliebenen deutschen Kritiker“ ĂŒberzeugt habe. In den 1990er Jahren hĂ€tten sich dann „Proteste von Organisationen intergeschlechtlicher Menschen“ Gehör verschafft und „eine gewisse Sensibilisierung der Medizin fĂŒr die Probleme von Genitaloperationen im Kindesalter bewirkt“. Ein „Ende dieser Praxis“ sei aber „noch nicht in Sicht“.cite-ref-kloeppel-4-96-2[90]

Klöppel schlussfolgert, dass aus dieser Entwicklung, die nicht nur systematische „Genitaloperationen an intersexuellen Kindern“ hervorgebracht habe, sondern auch eine medizinisch-psychologische „Forschung, die darauf zielte, die Einflussfaktoren der psychosexuellen Entwicklung zu isolieren und zu kontrollieren“, sich „im Verlauf des 20. Jahrhunderts“ als „neue psychische EntitĂ€t“ die GeschlechtsidentitĂ€t herausgebildet habe. Sie sei „das Resultat eines Konstruktionsprozesses, der um die Jahrhundertwende mit der Herauslösung des psychosexuellen Empfindens aus der Einheit des biologischen Geschlechts“ begonnen habe. Seitdem gelte eine „eindeutige und stabile affektive Bindung an den mĂ€nnlichen respektive weiblichen Geschlechtsstatus“ als „Grundbedingung psychischer Gesundheit und sozialer Integration“. Damit werde ein „normatives Skript den Körpern und der Psyche intergeschlechtlicher Menschen autoritĂ€r“ eingeschrieben.cite-ref-kloeppel-5-97-0[91]

Ethische Aspekte

Michael Wunder hat sich ausfĂŒhrlich mit der „Stellungnahme zum Thema IntersexualitĂ€t“cite-ref-ethikrat-98-0[92] des Deutschen Ethikrates befasst, der „ein intensiver Dialog mit Betroffenen, Selbsthilfegruppen und Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen“ einerseits und einige wissenschaftliche Studien andererseits vorausgegangen sei. Geleitet war Wunder durch sein Anliegen, „das Thema aus der Tabuzone heraus zu holen“ und es „in den Bereich der NormalitĂ€t zu bringen“.cite-ref-wunder-1-99-0[93]

Die erste Interessenvertretung fĂŒr Intersexuelle sei 1990 unter dem Namen Intersex Society of North America gegrĂŒndet worden.cite-ref-isna-100-0[Anm. 7] Mit einiger zeitlicher Verzögerung seien im „deutschsprachigen Raum“ Selbsthilfegruppen entstanden, im Jahr 2004 der Verein Intersexuelle Menschen und 2010 der Verein Zwischengeschlecht.cite-ref-vereine-intersex-101-0[Anm. 8] Ihnen seien zahlreiche weitere mit je verschiedenen Schwerpunkten gefolgt, aber einig in ihrer Kritik „an der Einordnung der IntersexualitĂ€t als Krankheit“.cite-ref-wunder-2-102-0[94]

Der Verein Intersexuelle Menschencite-ref-verein-intersex-103-0[95] habe sich 2008 an den zustĂ€ndigen Ausschuss der Vereinten Nationen gewandt, ĂŒber VerstĂ¶ĂŸe gegen die Anti-Diskriminierungskonvention berichtet und VorschlĂ€ge zur „Vermeidung und Behebung von KonventionsverstĂ¶ĂŸen“ unterbreitet. Daraufhin habe der UN-Ausschuss die Bundesregierung aufgefordert, das internationale Abkommen „zur Beseitigung jeder Form der Diskriminierung“ zu ĂŒberwachen und seine Einhaltung zu gewĂ€hrleisten. In der Folge habe die Bundesregierung im Jahr 2010 den Deutschen Ethikrat damit beauftragt, sich mit diesem Thema in Abgrenzung zu „Fragen der TranssexualitĂ€t“ zu befassen,cite-ref-wunder-2-102-1[94] nachdem sich die Interessenvertretungen der Betroffenen bereits zuvor an ihn gewandt hĂ€tten, weil sie unter einem „invalidierenden Umfeld“ und einer „zu schnell handelnden und bedrohlich erlebten Medizin“, aber auch unter „gesellschaftlicher Ignoranz und fehlender UnterstĂŒtzung“ litten.cite-ref-wunder-1-99-1[93]

„Der Doppelauftrag der Regierung, einen Dialog zu fĂŒhren und eine Stellungnahme zu erarbeiten, hat sich als ĂŒberaus produktiv und angemessen erwiesen. Der Dialog wurde mit einer umfangreichen Befragung der Betroffenen, an der sich rund 200 Personen beteiligt haben, eingeleitet und mit einer großen öffentlichen Anhörung im Juni 2011 sowie einem moderierten Online-Diskurs weitergefĂŒhrt. Hieraus haben sich unzĂ€hlige Anregungen und Informationen, aber auch Kontroversen ergeben, die ebenso wie die Ergebnisse einer systematisierten Befragung von ĂŒber 40 Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen aus den Bereichen der Medizin, des Rechts, der Psychologie, der Ethik und der Philosophie in die öffentliche Stellungnahme eingingen.“

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Michael Wunder

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IntersexualitÀt: Leben zwischen den Geschlechtern

Weil der Begriff IntersexualitĂ€t „weder eindeutig noch unstrittig“ sei und einige Gruppen ihn fĂŒr sich als diskriminierend ablehnen, habe „der Bericht des Deutschen Ethikrates auf den medizinischen Begriff DSD“ zurĂŒckgegriffen, der „nach dem Vorschlag auch deutscher Ethiker und Mediziner als differences of sexual development ĂŒbersetzt und verstanden werden solle“.cite-ref-wunder-3-104-0[96]

Die „pathologische Sichtweise auf IntersexualitĂ€t“, die sich in den 1950er Jahren durch die Ergebnisse der Forschungsgruppe um den „amerikanischen Psychologen John Money“ etabliert habe, sei erst im Jahr 2005 „innerhalb der Medizin revidiert“ worden – auf der Chicago Consensus Conference. Hier habe der „Wandel im VerstĂ€ndnis von IntersexualitĂ€t“ mit der Forderung nach ethischen „GrundsĂ€tze[n] und Empfehlungen bei DSD“ seinen Anfang genommen. Fortan sollten „chirurgische und hormonelle Eingriffe an Kindern mit uneindeutigem Geschlecht [
] nur noch unter bestimmten Bedingungen“ und einer „zwingenden medizinischen Indikation“cite-ref-ag-ethik-105-0[97] erfolgen. Wann eine solche zu stellen wĂ€re, sei jedoch strittig geblieben. „Wissenschaftliche Langzeitstudien zu den Folgen medizinischer Eingriffe bei IntersexualitĂ€t fehlen weitgehend“.cite-ref-wunder-4-106-0[98]

Zwei „empirische Studien zur LebensqualitĂ€t“ von Intersexuellen hĂ€tten dem Ethikrat vorgelegencite-ref-ethikrat-anhoerung-107-0[99] – die sogenannte Netzwerkstudiecite-ref-netzwerkstudie-108-0[Anm. 9] und die Hamburger Intersex-Studiecite-ref-hamburgstudie-109-0[100] –, eine dritte Erhebung fĂŒhrte er selbst durch.cite-ref-ethikratstudie-110-0[101] „Keine der drei Studien kann fĂŒr sich den Anspruch der ReprĂ€sentativitĂ€t erheben“, dennoch könnten, „auch mangels anderer Quellen, die Angaben dieser drei Studien wichtige Anhaltspunkte geben“. Etwa 70 bis 80 % „der in diesen drei Studien erfassten DSD-Betroffenen“ seien „chirurgischen Eingriffen unterzogen“ worden, die meisten davon „in einem nicht zustimmungsfĂ€higen Alter“. Die Ergebnisse zur „subjektiv geĂ€ußerten LebensqualitĂ€t“ seien uneinheitlich, je nachdem, welche Untergruppe in welcher Studie betrachtet werde. SchlĂŒsse hĂ€tten aus den Befunden nur mit „aller gebotenen Vorsicht“ gezogen werden können, dabei je andere fĂŒr die verschiedenen Untergruppen.cite-ref-wunder-5-111-0[102]

Die „Forderungen zur Verbesserung der Situation“ durch die Betroffenen weisen eine große Vielfalt auf. Sie reichen von „mehr AufklĂ€rung in der Gesellschaft“ ĂŒber die Einrichtung von „außerklinische[n] Kontakt- und Beratungszentren“ bis zu „finanzielle[n] und strukturelle[n] Hilfen fĂŒr Selbsthilfegruppen zur Errichtung eines bundesweiten Hilfenetzwerks“. Aus der Wissenschaft wĂŒrden „interdisziplinĂ€re Kompetenzzentren zur fachlich bestmöglichen Behandlung der Betroffenen mit mehr Zeit, weniger Entscheidungsdruck und grĂ¶ĂŸerer Beachtung der jeweils individuellen UmstĂ€nde“ gefordert. Wo nötig, wĂŒrden Forderungen fĂŒr Maßnahmen zur Behebung „mangelhafte[r] Integration und Teilhabe an der Gesellschaft“ erhoben.cite-ref-wunder-6-112-0[103]

„Der Deutsche Ethikrat hat vor dem Hintergrund dieser Befunde eine differenzierte Betrachtung der verschiedenen Untergruppen von DSD vorgenommen und unterscheidet zwischen geschlechtsvereindeutigenden und geschlechtszuordnenden Eingriffen.“cite-ref-wunder-7-113-0[104] Geschlechtszuordnende Operationen „bewertet der Ethikrat als einen Eingriff in das Recht auf körperliche Unversehrtheit und auf Wahrung der geschlechtlichen und sexuellen IdentitĂ€t, ĂŒber die grundsĂ€tzlich nur die Betroffenen selbst“ entscheiden könnten. Insofern solle mit derlei Eingriffen bis zum Erreichen des „entscheidungsfĂ€hige[n] Alter[s]“ gewartet werden – sofern nicht „eine schwerwiegende Gefahr fĂŒr die physische Gesundheit des Kindes“ dem entgegenstehe. FĂŒr die „vereindeutigenden Eingriffe“, die der Ethikrat fĂŒr „weniger gravierend“ hĂ€lt, schlĂ€gt er eine „umfassende AbwĂ€gung der medizinischen, psychologischen und psychosozialen Vor- und Nachteile im Sinne des Kindeswohls“ vor und „im Zweifel“, die „EntscheidungsfĂ€higkeit der Betroffenen“ abzuwarten. Der Ethikrat empfiehlt, „die medizinische Diagnostik und Behandlung von DSD-Betroffenen nur in einem speziell dafĂŒr qualifizierten, interdisziplinĂ€r zusammengesetzten Kompetenzzentrum von Ärzten, Psychologen, Sozialberatern und anderen Experten vorzunehmen“. FĂŒr die Geschlechtszuordnung wird vorgeschlagen, „neben den Alternativen ‚weiblich‘ und ‚mĂ€nnlich‘ nach australischem Vorbild auch die Kategorie ‚anderes‘ einzufĂŒhren und fĂŒr das Personenstandsregister die Möglichkeit eines spĂ€teren Eintrages vorzusehen“.cite-ref-wunder-7-113-1[104]

Zusammenfassend schlĂ€gt Wunder vor, als Ziel anzustreben, dass „Menschen mit DSD“ mit ihrer „Besonderheit und als Teil gesellschaftlicher Vielfalt Respekt und UnterstĂŒtzung der Gesellschaft erfahren“.cite-ref-wunder-8-114-0[105]

Historische Aspekte

Rainer Herrn,cite-ref-herrn-7-116-0[107] wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut fĂŒr Geschichte der Medizin der CharitĂ© und seit 1991 Mitarbeiter der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, befasste sich – Transvestitismus und Transgeschlechtlichkeit im Fokus – mit der Geschichte des Wunsches nach Verwirklichung eines anderen als des biologischen Geschlechts und ließ dabei prominente Sexualwissenschaftler aus dem 19. und 20. Jahrhundert zu Wort kommen.cite-ref-herrn-1-117-0[108]

„Cross-Dressing – der Wechsel zur Kleidung des anderen Geschlechts – und, oft damit verbunden, der Wechsel des sozialen Geschlechts sind in der europĂ€ischen Kulturgeschichte seit Langem bekannt“, weniger allerdings ĂŒber „die Motive und den sozialen Alltag solcher historischer Personen“. Lange habe es fĂŒr sie keinen „bezeichnenden Begriff“ gegeben. Sie galten in Deutschland „bis Mitte des 19. Jahrhunderts als Hochstapler und Schwindler, einige wurden gar der Spionage verdĂ€chtigt“.cite-ref-herrn-1-117-1[108]

Als Cross-Dressing wĂ€hrend des „spĂ€ten 19. Jahrhunderts in den medizinischen Blick“ geriet, sei „auf tradierte Konzepte der Mischgeschlechtlichkeit zurĂŒckgegriffen“ worden, zu denen insbesondere der „Hermaphroditismus“ gezĂ€hlt habe. Cross-Dressing sei mit dem „gleichgeschlechtliche[n] sexuelle[n] Begehren der MĂ€nner“ in Verbindung gebracht worden, „fĂŒr das sich im 20. Jahrhundert der Begriff ‚HomosexualitĂ€t‘ durchsetzte“. Karl Heinrich Ulrichs – soweit bekannt, der erste bekennende Homosexuelle – habe seine seit 1864 erschienenen „emanzipatorischen Streitschriften“ gegen die „nach preußischem Recht“ geltende „Strafbarkeit sexueller Handlungen zwischen MĂ€nnern“ verfasst. Seine Schriften „regten um 1870 zunĂ€chst den Berliner Ordinarius und CharitĂ©-Psychiater Carl Westphal und zehn Jahre spĂ€ter dessen Grazer Kollegen Richard von Krafft-Ebing zur BegrĂŒndung der modernen Sexualpathologie an“. Er „stellte die These von der weiblichen Seele im mĂ€nnlichen Körper auf“.cite-ref-herrn-2-118-0[109]

„In der sexualpathologischen Denkrichtung des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts fand eine Koppelung von Cross-Dressing mit gleichgeschlechtlichem Begehren zu einem GesamtphĂ€nomen statt, eben jener ‚contrĂ€ren Sexualempfindung‘. Diese neue Diagnose umgreift als Sammelbezeichnung ausnahmslos alle von den Geschlechternormen abweichenden GefĂŒhls- und Verhaltensweisen.“

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Rainer Herrn

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Ver-körperungen des anderen Geschlechts

Ulrichs selbst „lehnte in seinem emanzipatorisch angelegten Konzept [
] jede Krankheitszuschreibung ab“. Eine „sexualpathologische Ausdeutung“ sei erst mit der „Rezeption seiner Schriften“ erfolgt.cite-ref-herrn-2-118-2[109]

Mit der Jahrhundertwende sei es zu einer „zunehmenden Verwissenschaftlichung, Popularisierung und Politisierung der HomosexualitĂ€t“ gekommen. Im Jahr 1897 ist das Wissenschaftlich-humanitĂ€re Komitee etabliert worden und damit „wurde der Homosexuelle in der Öffentlichkeit ein gelĂ€ufiger Sozialcharakter“. MitbegrĂŒnder dieser Vereinigung war Magnus Hirschfeld, dessen „Forschungen ĂŒber sexuelle Zwischenstufen“ den Begriff der Zwischenstufentheorie hervorbrachte, der sich seit dem Jahr 1903 durchgesetzt habe. Er gab das Jahrbuch fĂŒr sexuelle Zwischenstufen heraus, dessen Ziel es gewesen sei, â€žĂŒber die ganze FĂŒlle mischgeschlechtlicher Formen zu berichten“.cite-ref-herrn-3-119-0[110]

Nicht immer seien Cross-Dresser damit einverstanden gewesen, wenn sie als homosexuell bezeichnet wurden. Sie hĂ€tten das GesprĂ€ch mit Hirschfeld gesucht, der daraufhin seinen „Entwurf des Transvestitismus“ entwickelt habe, mit dem sie von der Gruppe der Homosexuellen unterschieden wurden. Auch die Homosexuellen suchten Abstand zu den Cross-Dressern und hĂ€tten mit ihnen nicht in einer Gruppe zusammengefasst werden wollen. „Das Ziel der Homosexuellenbewegung [war] die Abschaffung des Paragrafen 175 Reichsstrafgesetzbuchs (RStGB).“ Aber auch Personen, „die polizeilich als Transvestiten erkannt wurden, [waren] wegen der ‚Erregung öffentlichen Ärgernisses‘ und somit ‚Störung der öffentlichen Ordnung‘ mit empfindlichen Strafen bedroht“.cite-ref-herrn-3-119-1[110]

In Berlin habe sich „eine vielfĂ€ltige Transvestitenkultur mit eigenen Lokalen, Treffpunkten, Organisationen und Zeitschriften entfaltet“ und Hirschfeld habe „gemeinsam mit seinem Kollegen Iwan Bloch um 1910 mit der Polizeibehörde eine Übereinkunft“ ausgehandelt, „nach der von einer Festnahme abgesehen wurde“, sofern ein sogenannter und „Àrztlich beglaubigter“ Transvestitenschein vorgelegt werden konnte. Seit dem Jahr 1921 sei es dann „in einem gutachterlichen Verfahren“ möglich gewesen, „eindeutig auf das Geschlecht verweisende Vornamen durch einen neutralen [
] zu ersetzen“, was jedoch einige AbhĂ€ngigkeit vom „Wohlwollen der Gutachter“, aber auch „vom VerstĂ€ndnis der Polizei und Justiz“ mit sich gebracht habe.cite-ref-herrn-3-119-2[110]

Zur Zeit des Wirkens von Hirschfeld habe es zwar unter den Transvestiten einige gegeben, „die nicht nur die Kleidung des anderen Geschlechts bevorzugten, sondern sich diesem ganz zugehörig fĂŒhlten“. Dennoch fĂ€nden sich keine Mitteilungen ĂŒber WĂŒnsche nach geschlechtsanpassenden Operationen, zumal die „geeigneten Techniken“ noch gar nicht entwickelt waren.cite-ref-herrn-4-120-0[111] Bald aber, noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sei es zu einer „Bedeutungsaufladung des Geschlechtskörpers“, wie Herrn es nennt, gekommen und diese habe nicht nur eine „Neudefinition und Aufwertung“ des Körperlichen mit sich gebracht, sondern auch Einfluss auf die „Konstruktion des Selbst“ genommen.

Im Zuge dieser Entwicklungen sei bei jenen, „die sich dem anderen Geschlecht zugehörig fĂŒhlten“ der zunehmend drĂ€ngende Wunsch nach einer auch „physischen Umgestaltung“ des eigenen Körpers entstanden. Tiefes Leid hĂ€tte „Einzelne“ dazu veranlasst, „irreversible Umgestaltungen durch invasive Eingriffe – wie sie Kastration und Amputation darstellen – durchzusetzen oder an sich selbst vorzunehmen“. Die „dazu nötigen Techniken wurden in der um 1900 aufkommenden kosmetischen Medizin entwickelt“. Noch allerdings sei es nicht um Anpassung an das erwĂŒnschte Geschlecht gegangen, sondern darum, „die Zeichen des Herkunftsgeschlechts zu tilgen“. Zunehmend seien Personen, die Cross-Dressing betrieben, von jenen unterschieden worden, die sich gĂ€nzlich „dem anderen Geschlecht zugehörig“ fĂŒhlten. Wissenschaftlicher Protagonist dieser Differenzierung sei der englische Sexualwissenschaftler Havelock Ellis gewesen.cite-ref-herrn-5-121-0[112]

Erste „Versuche operativer Geschlechtsumwandlung“ sollen mit dem Berliner Chirurgen Richard MĂŒhsam begonnen haben, der 1912 einen „von ihm so bezeichneten weiblichen Transvestiten“ operiert habe und dabei „BrĂŒste und GebĂ€rmutter“ entfernte. Obwohl die „Eingriffe aus heutiger Sicht als erste Ă€rztlich ausgefĂŒhrte Geschlechtsumwandlung von Frau-zu-Mann gelten dĂŒrfen, wurden sie damals nicht als solche betrachtet“. Genaugenommen handelte es sich auch nach heutigem VerstĂ€ndnis dabei noch nicht um eine Geschlechtsumwandlung, da dafĂŒr Weiteres vorausgesetzt wird. Sieben Jahre spĂ€ter eröffnete Hirschfeld „1919 sein Institut fĂŒr Sexualwissenschaft“ und „allein im ersten Jahr“ hĂ€tten „zwölf MĂ€nner um eine Kastration“ gebeten. Bis auf zwei hĂ€tten alle anderen von ihrem Wunsch abgebracht werden können.cite-ref-herrn-6-122-0[113]

„Die erste komplett dokumentierte Mann-zu-Frau-Geschlechtsumwandlung erfolgte 1920/1921 bei einem Patienten des Hirschfeld-Instituts“ – durchgefĂŒhrt an einem „Medizinstudenten, der mit der Pistole in der Hand mit Suizid drohte“. FĂŒr Herrn entsprang diese Operation „der individuellen Notlage eines Patienten und medizinischen Omnipotenzphantasien“ der Ärzte. Im Jahr 1931 habe Felix Abraham „in einer ersten medizinischen Veröffentlichung“ ĂŒber „die Routine der Operationen“ berichtet, die mit „UnterstĂŒtzung des Instituts fĂŒr Sexualwissenschaft erfolgten“. Neben Abraham gehörte seit 1925 auch Ludwig Levy-Lenz zu den Mitarbeitern des Instituts. Die „bekannteste dieser frĂŒhen Geschlechtsumwandlungen“ sei „die des dĂ€nischen Malers Einar Wegener“ gewesen.cite-ref-herrn-6-122-1[113]

Nach der „MachtĂŒbernahme der Nationalsozialisten 1933“ sind die „WĂŒnsche nach Geschlechtsumwandlung“ angeblich verschwunden, so dass „Karl Bonhoeffer 1941 berichtete“, sie seien ihm im Gegensatz zur Weimarer Zeit nicht mehr begegnet. Über das „Schicksal der vor 1933 Operierten liegen keine systematischen Forschungen vor“.cite-ref-herrn-6-122-2[113]

„Erst in den 1950er Jahren setzte in den USA erneut eine medizinische Diskussion ĂŒber die Geschlechtsumwandlung ein, allerdings nicht mit direkten Bezug auf die deutsche VorlĂ€uferschaft, ohne die sie freilich nicht zu denken ist.“

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Rainer Herrn

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Ver-körperungen des anderen Geschlechts

Bis in die 1960er Jahre habe es gedauert, bis „in beiden deutschen Staaten von ‚Transsexualismus‘, spĂ€ter von ‚TranssexualitĂ€t‘ gesprochen“ wurde, nachdem „Benjamins Arbeiten“cite-ref-benjamin-123-0[114] rezipiert worden seien.cite-ref-herrn-6-122-4[113] Denn Harry Benjamin hatte den Begriff transsexuality eingefĂŒhrt.

Ethnologische Aspekte

„Was einen Mann oder eine Frau ausmacht, ob zwei oder mehr Geschlechter anerkannt werden, inwieweit Körper, SexualitĂ€t und soziale Rollen als konstitutiv fĂŒr Geschlecht gelten – all dies ist vom jeweiligen kulturellen Kontext abhĂ€ngig und unterliegt Prozessen des kulturellen Wandels. In vielen Gesellschaften, vor allem außerhalb Europas, unterscheiden sich Geschlechterkonstruktionen und auch die GrenzverlĂ€ufe zwischen den Kategorien ‚Mann‘ und ‚Frau‘ von den uns bekannten Mustern, gibt es temporĂ€re oder auch dauerhafte Alternativen zu geschlechtlicher Eindeutigkeit, die als ‚drittes Geschlecht‘ bekannt wurden.“

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Susanne Schröter

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GrenzverlÀufe zwischen den Geschlechtern

Unter ethnologischer Perspektive beschreibt Schröter diese GrenzverlÀufe an Beispielen aus Asien, Nordamerika, dem Balkan und Brasilien.

In Indien zĂ€hlen Hijras zu den Angehörigen „des dritten Geschlechts“; es heißt, sie seien weit ĂŒber die Landesgrenzen hinaus bekannt. Sie werden „als Intersexuelle bezeichnet und mit einer vergangenen göttlichen Ordnung in Verbindung gebracht“. Sie „gelten als mit ĂŒbernatĂŒrlichen KrĂ€fte[n] begabt“ und eine ihrer „vornehmsten Aufgaben“ bestehe darin, „Neugeborene zu segnen“. DafĂŒr wĂŒrden sie „Familien, in denen gerade ein Kind geboren wurde“, besuchen – mit oder ohne Einladung.cite-ref-schroeter-2-125-0[116]

Entgegen dieser „idealisierten Konzeption spirituell begnadeter Intersexueller“ wĂŒrden „die meisten hijras allerdings nicht mit uneindeutigem, sondern mit eindeutig mĂ€nnlichem Geschlecht geboren“ und es seien „Homosexuelle oder Transsexuelle“. Die „indische Gesellschaft“ akzeptiere „sexuelle mĂ€nnliche Devianz nur in dieser Form“. Sofern es tatsĂ€chlich Intersexuelle seien, „gelten sie von Natur aus mit dem Heiligen gezeichnet“. Doch aller „Heiligkeit zum Trotz“ sei ihr Alltag schon immer „durch ein Leben am Rand der Gesellschaft“ geprĂ€gt. Da sie von Segnungen allein nicht leben könnten, arbeiteten sie „primĂ€r als aggressive Bettler und Prostituierte“. Ihre „Gemeinschaften“ glichen „organisierten Bordellbetrieben“, „in denen Ausbeutungsstrukturen vorherrschen“. Obwohl „der religiöse Hintergrund des PhĂ€nomens gern in den Vordergrund gestellt“ werde, sei die „Motivation, hijra zu werden, nur selten religiös begrĂŒndet“.cite-ref-schroeter-2-125-1[116]

Daneben erwĂ€hnt Schröter ein „pakistanisch-muslimisches Äquivalent, das khusra genannt“ werde. Auch fĂŒr dieses PhĂ€nomen in Pakistan gebe es ErzĂ€hlungen, deren „Wahrheitsgehalt“ von Haniya Rais, einer Anthropologin, bestritten werde. Sie reduziere es „auf eine homosexuelle Subkultur“, in der IntersexualitĂ€t idealisiert werde und „eine eigene Hierarchie“ konstituiere, „an deren Spitze, nach Rais, diejenigen stehen, die sich dem Kastrationsritual unterzogen haben, wĂ€hrend khusras, die noch nicht kastriert sind, oder temporĂ€re Homosexuelle (zenanas) als weniger rein gelten“. Khusras seien „hĂ€ufig AnhĂ€nger lokaler Heiligenkulte und praktizieren eine mystisch ausgerichtete Form des Islam“. Sie wĂŒrden „von der Bevölkerung, mit der sie leben, geachtet“.cite-ref-schroeter-2-125-2[116]

„Die Institution der hijras und khusras ist somit kein Zeichen von Liberalismus oder gar der Nicht-Existenz einer rigiden Geschlechterordnung, sondern ein Ventil fĂŒr diejenigen, die aufgrund ihrer Biologie oder ihres devianten Begehrens aus dem vorgegebenen starren Rahmen herausfallen.“

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Susanne Schröter

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GrenzverlÀufe zwischen den Geschlechtern

Auch die Kulturzeitschrift Fikrun wa Fann nahm sich mit einem ausfĂŒhrlichen Artikelcite-ref-fikrun-126-0[117] des dritten Geschlechts in Pakistan an.

In den „indigenen Gesellschaften des nördlichen Amerikas“, so Schröter, sei die „Institution des dritten Geschlechts seit dem 16. Jahrhundert ĂŒberliefert“. DafĂŒr hatten sich zu verschiedener Zeit unterschiedliche Begriffe durchgesetzt, bis sich aufgrund der Kritik von „indianischen Aktivistinnen und Aktivisten“ Ende des 20. Jahrhunderts „die Bezeichnung two spirit“ durchsetzte. Auch hier gebe es „Mythen, die auf einen idealisierten doppelgeschlechtlichen Zustand verweisen“. Allerdings sei es hier nicht nur um die „sexuelle PrĂ€ferenz“, sondern auch um eine „generelle ‚TĂ€tigkeitsprĂ€ferenz‘“ gegangen, denn two spirits strebten auch die „soziale Rolle des anderen Geschlechts an, dessen Position im Arbeitsprozess und in der Familie, in der Politik und im Krieg“. In diesem Sinne habe der Anthropologe Thomas Wesley fĂŒr die Navajo von „fĂŒnf verschiedenen Geschlechterrollen“ gesprochen. Bei den Plains-Indianern wurde eine „Kriegerinnentradition“ der sogenannten manly-hearted women (deutsch: Frauen mit MĂ€nnerherz) beschrieben, die „anerkannt und hoch geachtet“ waren, „weil sie sich dort bewĂ€hrt hatten, wo MĂ€nner Prestige erwerben“. Auch war bei „nordamerikanischen Indianern“ HomosexualitĂ€t „verpönt, und sexuelle Kontakte waren nur zwischen Personen erlaubt, die als gegengeschlechtlich identifiziert waren“. Noch heute seien Homosexuelle beiderlei Geschlechts weitgehend mit „Ablehnung und Diskriminierung konfrontiert“.cite-ref-schroeter-3-127-0[118]

Wie andere Autoren weist auch Schröter darauf hin, dass die â€žĂŒberwiegende Anzahl aller PhĂ€nomene des dritten Geschlechts“ Menschen betreffe, die „als Mann-zu-Frau-Wechsler bezeichnet“ werden könnten. Warum das so ist, wurde bisher wissenschaftlich nicht aufgeklĂ€rt. Ihr vorletztes Beispiel „der ‚geschworenen Jungfrauen‘ des sĂŒdlichen Balkans“ stellt insofern eine Ausnahme dar. Es handele „sich um Personen weiblichen Geschlechts, die einen mĂ€nnlichen Habitus pflegen und in ihrer mĂ€nnlichen Rolle von der Gesellschaft anerkannt werden“.cite-ref-schroeter-4-128-0[119]

„Geschworene Jungfrauen besitzen einen mĂ€nnlichen Namen, tragen mĂ€nnliche Kleidung, einen mĂ€nnlichen Haarschnitt, rauchen und trinken. Sie gehen ausschließlich ‚mĂ€nnlichen‘ TĂ€tigkeiten wie pflĂŒgen, Holz hacken oder Heu machen nach, tragen Waffen und nehmen an Jagden und kriegerischen Handlungen teil. Ihre Verhaltensweisen entsprechen dem albanischen MĂ€nnlichkeitsstereotyp [
].“

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Susanne Schröter

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GrenzverlÀufe zwischen den Geschlechtern

Bei dem PhĂ€nomen der geschworenen Jungfrauen gehe es – und darĂŒber bestehe „in der Forschung kein Zweifel“ – nicht um eine „institutionalisierte Nische fĂŒr weibliche Rebellinnen“, sondern um die „Aufrechterhaltung der patriarchalen heterosexuellen Ordnung in Zeiten des MĂ€nnermangels“, auch wenn nicht jede Einzelne „das Produkt eines familiĂ€ren MĂ€nnermangels“ wĂ€re. In der Regel hĂ€tten diese Frauen einen Schwur abgelegt, „niemals zu heiraten oder eine sexuelle Beziehung einzugehen“. Es solle aber „vorgekommen sein, dass ‚geschworene Jungfrauen‘ sich von ihrem Status verabschiedet und geheiratet haben“.cite-ref-schroeter-4-128-2[119]

FĂŒr Brasilien beschreibt Schröter eine „Besonderheit ‚dritter‘ Geschlechtlichkeit“ mit den dort sogenannten „travestis“. Travestis wĂŒrden sich in Frauen „verwandeln“, indem sie sich „Östrogene in hoher Dosierung“ zufĂŒhren und sich „Silikon in BrĂŒste, HĂŒften, Oberschenkel und Po“ injizieren – bis zu „20 Liter sollen dabei verwendet werden“. Dabei wĂŒrde „ein perfekter weiblicher Körper mit mĂ€nnlichen Genitalien“ entstehen. Travestis seien „sehr stolz auf gelungene Ergebnisse“ und stehen „sozial und sexuell [
] zwischen den Geschlechtern“. Sie hĂ€tten „sexuelle Kontakte, in denen sie aktiv und solche, in denen sie passiv“ seien, aber als „Prostituierte begegnen sie Kunden, die penetriert werden wollen“ und die sie „dafĂŒr verachten“. Privat gehen sie Beziehungen „ausschließlich zu ‚wirklichen‘ MĂ€nnern ein“. Geschlechtsumwandlungen „lehnen sie ab, da sie nicht auf maskuline genitale Lust verzichten wollen“, sie „distanzieren sich bewusst von Transsexuellen und verstehen sich eindeutig als MĂ€nner“. Als Prostituierte „gebĂ€rden sich travestis alles andere als feminin“. Sie seien „brutal, gewalttĂ€tig und haben einen zweifelhaften Ruf als BeischlafrĂ€uber“. Insgesamt ergebe sich aus ihrer „Selbstinszenierung“ ein „Bild, das in jeglicher Hinsicht auf einer Kombination weiblicher und mĂ€nnlicher Attribute beruht – eine perfekte intersexuelle Konstruktion“.cite-ref-schroeter-5-129-0[120]

Zusammenfassend stellt Schröter fest, „dass Geschlecht und GeschlechtsidentitĂ€t keineswegs ein universales Muster bildet, das sich biologisch fundieren ließe“.

„In der wissenschaftlichen Debatte wird die Existenz von drei oder mehr Geschlechtern hĂ€ufig als Indikator fĂŒr eine liberale Geschlechterordnung definiert, die man der vermeintlich repressiveren Ordnung westlicher Gesellschaften entgegensetzt. Das lĂ€sst sich allerdings empirisch nicht bestĂ€tigen. Die Existenz des dritten Geschlechts bestĂ€tigt vielmehr hĂ€ufig explizit ein hegemoniales System heterosexueller Zweigeschlechtlichkeit, welches Homosexuelle zwingt, ihr Geschlecht zu wechseln.“

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Susanne Schröter

:

GrenzverlÀufe zwischen den Geschlechtern

Siehe auch

:

Liste von sozialen Geschlechter(rolle)n

Internationale Aspekte

Arn Sauer und Jana Mittag versuchen in ihrem Beitrag ĂŒber GeschlechtsidentitĂ€t und Menschenrechte „den Weg von Unsichtbarmachung, Ausschluss und UnterdrĂŒckung hin zum Sichtbarwerden und zu wertschĂ€tzender Anerkennung von geschlechtlicher und körperlicher Vielfalt“ in internationalen ZusammenhĂ€ngen und unter BerĂŒcksichtigung der Menschenrechte „zu beschreiben“. Sauer war wĂ€hrend seiner „offiziellen Besuche der 47 Mitgliedsstaaten des Europarates [
] erschĂŒttert ĂŒber die Wissensdefizite bezĂŒglich der Menschenrechtsbelange von trans Personen, sogar bei politischen EntscheidungstrĂ€gern“.cite-ref-sauer-1-131-0[122] FĂŒr eine Definition des Begriffes der geschlechtlichen IdentitĂ€t ĂŒbernimmt das Autoren-Team jene der Yogyakarta-Prinzipien:

„Unter ‚geschlechtlicher IdentitĂ€t‘ versteht man das tief empfundene innere und persönliche GefĂŒhl der Zugehörigkeit zu einem Geschlecht, das mit dem Geschlecht, das der betroffene Mensch bei seiner Geburt hatte, ĂŒbereinstimmt oder nicht ĂŒbereinstimmt; dies schließt die Wahrnehmung des eigenen Körpers (darunter auch die freiwillige VerĂ€nderung des Ă€ußeren körperlichen Erscheinungsbildes oder der Funktionen des Körpers durch medizinische, chirurgische oder andere Eingriffe) sowie andere Ausdrucksformen des Geschlechts, z. B. durch Kleidung, Sprache und Verhaltensweisen, ein.“

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Hirschfeld-Eddy-Stiftung: Die Yogyakarta-Prinzipien

Die Yogyakarta-Prinzipien stehen „am Ende einer ĂŒber 60-jĂ€hrigen, kontroversen und bis in die jĂŒngste Vergangenheit vorwiegend medizinisch-psychologisch gefĂŒhrten Debatte zur IdentitĂ€tsbestimmung, die Trans- und IntersexualitĂ€t nach wie vor pathologisiert“. Sie seien im Jahr 2006 „von einem international besetzten Gremium“ in der indonesischen Stadt Yogyakarta „entworfen und abgestimmt“ worden und fassten bereits bestehende Standards der Menschenrechte zum Thema GeschlechtsidentitĂ€t zusammen. Von mindestens fĂŒnf Staaten sei bekannt, dass sie ein drittes Geschlecht anerkennen beziehungsweise in ReisepĂ€ssen als Geschlechtseintrag ein "X" vorsehen. Es seien dies Indien, Pakistan, Nepal, Australien und Neuseeland. Im Jahr 2010 sei in der Generalversammlung des Europarates ein Beschluss gefasst worden, der sich gegen die Diskriminierung auch aufgrund von GeschlechtsidentitĂ€t richtet. „Einen Überblick ĂŒber nationale Regelungen in mittlerweile 66 LĂ€ndern der Welt gibt das weltweite Mapping der Rechts- und Soziallage“ von Menschen mit einem dritten Geschlecht, das von dem Forschungsprojekt Transrespekt versus Transphobie (TvT) onlinecite-ref-tvt-132-0[123] zur VerfĂŒgung gestellt wurde.cite-ref-sauer-2-133-0[124]

Trotz einer „sich allmĂ€hlich verbessernden internationalen Menschenrechtslage“ seien viele Menschen, die sich einem dritten Geschlecht zugehörig fĂŒhlen, „nach wie vor Ziel von Diskriminierung und Gewalt bis hin zu Kapitalverbrechen“. Ihre „juristische sowie medizinische“ Lage sei in „den meisten LĂ€ndern dieser Welt“ problematisch. Man treffe „hohe Behandlungskosten“ und „vorgeschriebene Operationen“ an – das „niederlĂ€ndische Transsexuellengesetz schreibt“ beispielsweise „die SterilitĂ€t nach wie vor zwingend vor“. Die „medizinischen Diagnosen TranssexualitĂ€t und IntersexualitĂ€t“ fĂŒhrten einerseits zu Stigmatisierungen; sie bildeten aber andererseits „in manchen LĂ€ndern die Basis fĂŒr die Kostenerstattung medizinischer Maßnahmen“. Das wiederum „gibt es nur in wenigen LĂ€ndern“; „QualitĂ€tsstandards fĂŒr Operationen existieren hĂ€ufig nicht“. Wenn keine „gesundheitliche Betreuung existiert“, werde nicht selten zur Selbstbehandlung gegriffen, „mit oft gravierenden gesundheitlichen SchĂ€den bis hin zur Todesfolge“.cite-ref-sauer-3-134-0[125]

Trotz mancher Gemeinsamkeiten gebe es auch zahlreiche Unterschiede. So litten beispielsweise Transmenschen in vielen LĂ€ndern „unter der Verweigerung gewollter medizinischer Behandlung“, wĂ€hrend Intersexuelle nicht selten „durch Zwangsbehandlungen traumatisiert“ wĂŒrden, die oft „im nicht-einwilligungsfĂ€higen Alter ohne tatsĂ€chliche medizinische Notwendigkeit“ durchgefĂŒhrt und meist „als weiblich angelegt“ wĂŒrden. „Die meisten Neo-Genitale weisen – entgegen medizinischer Machbarkeitsversprechen – keine oder keine ausgeprĂ€gte SensibilitĂ€t auf, Unfruchtbarkeit ist oft eine weitere Konsequenz“. Eine „unkritische EinfĂŒhrung [
] westlicher medizinischer Standards“ gefĂ€hrde zudem in den „wenigen noch vorhandenen vorkolonialen Gesellschaften“ existierende Strukturen, in denen Betroffene „geschĂŒtzt leben können“.cite-ref-sauer-3-134-1[125]

FĂŒr Personenstand und Rechtslage haben sich in den meisten LĂ€ndern den jeweils unterschiedlichen kulturellen Besonderheiten entsprechend verschiedene Regelungen und gesetzliche Grundlagen entwickelt. „Verfahren fĂŒr die Geschlechtseintragung und VornamensĂ€nderung“ seien oft, „wenn ĂŒberhaupt vorhanden, langwierig und bĂŒrokratisch“. In 30 von 61 daraufhin untersuchten LĂ€ndern wĂ€ren „Änderungen möglich“, wenn auch an verschiedene „Bedingungen geknĂŒpft“. In der Regel werde die Vorlage psychiatrischer Gutachten gefordert.cite-ref-sauer-3-134-2[125]

In vielen LĂ€ndern wĂŒrden die „BedĂŒrfnisse“ von Menschen mit einem dritten Geschlecht in der „Öffentlichkeit und auch der Politik“ kaum wahrgenommen, „Informationsangebote“ seien selten und hĂ€ufig wĂŒrden „verschiedene GeschlechtidentitĂ€ten und sexuelle Orientierungen“ ohne Hinweis auf die unterschiedliche Bedeutung „mit HomosexualitĂ€t gleichgesetzt“. Die aber sei „in einer Vielzahl von afrikanischen und islamisch geprĂ€gten Staaten kriminalisiert, die Strafen gehen bis hin zur Todesstrafe“. Es sei „ein besorgniserregender Trend zur Kriminalisierung [
] zu beobachten“.cite-ref-sauer-3-134-3[125]

Die sozioökonomische Situation fĂŒr Menschen, die sich einem dritten Geschlecht zugehörig fĂŒhlen, sei oft durch „Armut und Arbeitslosigkeit“ geprĂ€gt und stelle â€žĂŒberall auf der Welt eine elementare Sorge dar“. Von den Betroffenen seien „viele“ als Prostituierte tĂ€tig oder ĂŒbernĂ€hmen TĂ€tigkeiten „in anderen illegalen oder gefĂ€hrlichen Untergrundökonomien“. In manchen LĂ€ndern hĂ€tten sich Nischen entwickelt, jedoch ohne dass sich die materiellen Bedingungen wesentlich verbesserten.

Aufgrund von Trans- oder Homophobie fehle es nicht nur an Respekt, sondern es bleibe fĂŒr Menschen „mit nicht geschlechtskonforme[m] Auftreten“ nicht nur bei Diskriminierung. In vielen LĂ€ndern seien sie erheblicher Gewalt ausgesetzt, „zum Teil von den eigenen Familien“, in manchen LĂ€ndern drohten „Folter und Mord“. So seien von 2008 „bis MĂ€rz 2012 weltweit in 55 LĂ€ndern insgesamt 816 Morde [
] mit steigenden Fahlzahlen (sic!) dokumentiert“.cite-ref-sauer-3-134-4[125]cite-ref-tvt-2-135-0[126] Selten nur „finden sich öffentliche FĂŒrsprecher, die sich fĂŒr den Schutz der Menschenrechte [
] einsetzen“. Doch es gebe Ausnahmen. So fĂ€nden sich „Positivbeispiele“ unter anderem „im pazifischen Raum“.cite-ref-sauer-3-134-5[125]

Noch gebe es fĂŒr Menschen mit Trans- und Intergeschlechtlichkeit keinen umfassenden „Menschenrechtsschutz“ und noch wĂŒrden gegen sie gerichtet weltweit zahlreiche „Menschenrechtsverletzungen“ festgestellt. Sie „haben Ă€hnliche aber auch unterschiedliche Probleme“, die nicht immer berĂŒcksichtigt wĂŒrden. Es „existiert beispielsweise keine empirische Forschung zu den Lebens- und Diskriminierungslagen“ von Intergeschlechtlichen „und nur wenig“ zu Transgeschlechtlichen. Die noch „jungen Emanzipationsbewegungen“ der beiden Gruppen kĂ€mpften „manchmal zusammen – manchmal getrennt“ um „Entpathologisierung, Entstigmatisierung und als oberstes Primat [um] die Selbstbestimmungsrechte ihrer Mitglieder“.cite-ref-sauer-4-136-0[127]

Störungen der GeschlechtsidentitÀt

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Hauptartikel

:

GeschlechtsidentitÀtsstörung

Wenn sich die einschlĂ€gige Fachliteratur mit sexuellen IdentitĂ€tsstörungen befasst, wird nicht immer kenntlich gemacht, welcher Bedeutung die verwendeten Begriffe zugewiesen werden. Viele der in diesem Zusammenhang verwendeten Begriffe tauchen weder in der ICD-10, noch im Vokabular der Psychoanalyse von Laplanche und Pontalis auf.cite-ref-vokabular-137-0[128] Auch andere Fach-WörterbĂŒcher kennen nur einige wenige der verwendeten Begriffe. Das mag damit zusammenhĂ€ngen, dass es keine Definition gibt, auf die man sich in den Bezugswissenschaften wie Psychologie, Soziologie oder Sexualwissenschaft geeinigt hĂ€tte. Hinzu kommt, dass in Fachkreisen zwar nach wie vor keine Zweifel daran bestehen, dass es krankheitswertige Störungen der GeschlechtsidentitĂ€t geben kann; doch seit das Thema Transgender in der Öffentlichkeit breit diskutiert wird, haben sich die damit verbundenen Inhalte verĂ€ndert. Auch ist die Diagnose der frĂŒher sogenannten GeschlechtsidentitĂ€tsstörung aus dem einschlĂ€gigen Diagnosemanual DSM bereits entfernt worden. In der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD) ist sie in der derzeit noch gĂŒltigen Version 10 jedoch noch enthalten.cite-ref-icd-10-138-0[129]

Die seit 2007 in Überarbeitung befindliche Version 11 der ICD, deren Veröffentlichung fĂŒr Mai 2018 geplant war,cite-ref-icd-11-139-0[130] wird von den einschlĂ€gigen VerbĂ€nden kontrovers diskutiert. Die Aktion TranssexualitĂ€t und Menschenrecht hatte 2017 „Widerstand“ angekĂŒndigt fĂŒr den Fall, dass sie sich mit ihrer bei der WHO eingereichten Forderung nicht durchsetzen kann, „die Diagnose ‚Gender incongruence of childhood‘ aus dem kommenden ICD zu streichen“.cite-ref-atme-140-0[131] Im ICD-11 werden die bisherigen Kategorien durch den neuen Begriff der Geschlechtsinkongruenz ersetzt, wobei diese weiter nach Geschlechtsinkongruenz wĂ€hrend der Kindheit (HA61) und wĂ€hrend der PubertĂ€t oder im Erwachsenenalter (HA60) aufgeschlĂŒsselt wird.

Im DSM-5 ist den krankhaften Störungen der GeschlechtsidentitÀt der Begriff Geschlechtsdysphorie zugeordnet worden.

Als Psychoanalytiker an Fragen der GeschlechtsidentitĂ€t interessiert beschrieb Robert Stoller in seinem 2014 in dritter Auflage herausgegebenen Buch Perversion – Die erotische Form von Hass unter einer zum Zeitpunkt der Erstauflage noch ĂŒblichen binĂ€ren Betrachtung die möglichen Folgen einer unsicheren GeschlechtsidentitĂ€t, nachdem er sich zuvor 20 Jahre lang mit der Frage beschĂ€ftigt hatte, wie sich MĂ€nnlichkeit und Weiblichkeit entwickeln.cite-ref-stoller-141-0[132]

Ebenfalls aus psychoanalytischer Perspektive und in jener Zeit, als eine binĂ€re Sicht auf die Geschlechter in der Wissenschaft noch der Regelfall war, zugleich aber auch mit forensischem Blick war Estela Welldon mit der GeschlechtsidentitĂ€t speziell von Frauen befasst. Ihr Buch Perversionen der Frau beschreibt, welche Folgen eine unsichere GeschlechtsidentitĂ€t bei Frauen haben und unter welchen UmstĂ€nden sie in eine Perversion entgleisen kann. Eine solche stellt sich allerdings bei Frauen völlig anders als bei MĂ€nnern dar.cite-ref-welldon-142-0[133] Die Erforschung der reproduktiven Funktionen und ihrer Bedeutung fĂŒr Personen mit diverser GeschlechtsidentitĂ€t steht aus.

Um frĂŒhe Positionen einer Revision zu unterziehen, richtete die Internationale Psychoanalytische Vereinigung eine Arbeitsgruppe ein, die sich den Namen Committee on Sexual and Gender Diversity Studies gab.cite-ref-ipa-143-0[134] Sie wurde mit der Aufgabe betraut, sich der Herausforderungen anzunehmen, die sich infolge radikaler VerĂ€nderungen in Einstellung und VerstĂ€ndnis von SexualitĂ€t, Sexualobjektwahl und Geschlecht stellen, und zu einem multideterminierten VerstĂ€ndnis beizutragen. Dies geschah laut Hemma Rössler-SchĂŒlein in der Absicht, „Denken und Theoriebildung“ vor möglicher Einengung und Verzerrung zu bewahren, die mit „kulturellen Einstellungen, Überzeugungen“ und mit „Wahrnehmungen, FehleinschĂ€tzungen und Vorurteilen der Zeit und des Ortes, an dem sie auftreten“, einhergehen können.cite-ref-roessler-144-0[135]

Im Jahr 2024 wurden die Ergebnisse einer Studie aus der UniversitĂ€t Ulm vorgelegt, die fĂŒr Deutschland sĂ€mtliche ambulanten Abrechnungsdaten aller gesetzlich Versicherten aus den Jahren 2013 bis 2022 auswertete. Es galt, „erste Daten zu Trends in der HĂ€ufigkeit diagnostizierter Störungen der GeschlechtsidentitĂ€t, zur zeitlichen StabilitĂ€t dieser Diagnosen sowie zu psychiatrischen KomorbiditĂ€ten zu erfassen“, weil es trotz gesellschaftlicher, medialer und wissenschaftlicher Aufmerksamkeit fĂŒr Störungen der GeschlechtsidentitĂ€t „bislang kaum quantitative Daten“ gibt.cite-ref-ulm-145-0[136] Die HĂ€ufigkeit diagnostizierter GeschlechtsidentitĂ€tsstörungen nahm in dem zehn Jahre umfassenden Beobachtungszeitraum um etwa das Achtfache zu, wobei besonders weibliche Jugendliche im Alter zwischen 15 und 19 Jahren betroffen waren.cite-ref-ulm-2-146-0[137] In mehr als 70 % der FĂ€lle war eine weitere psychiatrische Diagnose codiert worden. FĂŒnf Jahre nach Diagnosestellung lag bei mehr als der HĂ€lfte der Betroffenen eine Störung der GeschlechtsidentitĂ€t nicht mehr vor.

Philosophische Position zur Gender-Debatte

Die Philosophin Rebekka Reinhard hat im Juli 2017 gemeinsam mit ihrem Kollegen Thomas VaĆĄek vorgeschlagen, „die alte Gender-Debatte [zu] begraben“. Es sei eine „Debatte um die Geschlechterdifferenz“ und sie sei „ideologisch erstarrt“, „intellektuell fruchtlos“ und befinde sich in einer „Sackgasse“.cite-ref-hohe-luft-147-0[138] Die beiden Autoren des Magazins Hohe Luft fordern „eine grundlegend andere Sicht“ auf die „Geschlechterdifferenz – eine Sicht, die Menschen in ihrer IndividualitĂ€t und FĂ€higkeit zur Selbstbestimmung ernst nimmt“. Biologische Unterschiede und soziale Normen seien, so die beiden Autoren, nicht das Entscheidende. Vielmehr nĂ€hmen Frauen und MĂ€nner „verschiedene Dinge wichtig“, und das sei viel mehr als alles andere die „grundlegende Differenz, welche die Geschlechter voneinander trennt“. Sie schlagen vor, ĂŒber ein Konzept „nachzudenken“, das sie das „ethische Geschlecht“ nennen, und das wĂŒrde „auf mĂ€nnlichen und weiblichen Werten“ beruhen. Dieser Werte könnten sich alle Geschlechter bedienen, unabhĂ€ngig von Biologie oder Sozialisation. Die Autoren kommen zu dem Schluss: „Erst wenn mĂ€nnliche und weibliche Werte aufeinanderprallen, ohne dass es dabei um Macht und Unterwerfung ginge, kann die Geschlechterdifferenz ihre fruchtbare Wirkung entfalten – als Differenz zwischen Werten, nicht zwischen MĂ€nner [sic!] und Frauen.“ (Rebekka Reinhard, Thomas VaĆĄek: Hohe Luft (2017))cite-ref-hohe-luft-147-1[138]

WeiterfĂŒhrendes

Spezielles (Auswahl)

‱ Androgynie
‱ Coming-out
‱ Femizid
‱ Gender
‱ Gendersternchen (Symbol)
‱ Genderzid
‱ LGBT
‱ Queer
‱ Sexismus

Philosophisches (Auswahl)
Filme (Auswahl)
Festivals

‱ Queersicht: 1996 gegrĂŒndetes LGBT-Filmfestival in Bern
‱ Queer Lisboa: 1997 gegrĂŒndetes schwul-lesbisches Filmfestival in Lissabon

Kunst
Siehe auch
Literatur

‱ Jessica Benjamin: Phantasie und Geschlecht. Studien ĂŒber Idealisierung, Anerkennung und Differenz. Stroemfeld, Basel 1993, ISBN 3-86109-101-1.
‱ Hartmut A. G. Bosinski: Determinanten der GeschlechtsidentitĂ€t. Neue Befunde zu einem alten Streit. In: Sexologie. Band 7, Nr. 2/3, 2000, S. 96–140 (sexualmedizin-kiel.info [PDF; 298 kB; abgerufen am 8. Juni 2017]).
‱ Anatol Dutta, Matteo Fornasier: Jenseits von mĂ€nnlich und weiblich – Menschen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung im Arbeitsrecht und öffentlichen Dienstrecht des Bundes. Nomos-Verlag, 2020, ISBN 978-3-8487-6733-5. (Online, abgerufen am 4. Februar 2025).
‱ Ian W. Craig, Emma Harper, Caroline S. Loat: The Genetic Basis for Sex Differences in Human Behaviour: Role of the Sex Chromosomes. In: Annals of Human Genetics. Vol. 68, Nr. 3, 2004, S. 269–284, doi:10.1046/j.1529-8817.2004.00098.x (englisch).
‱ Michael Ermann: IdentitĂ€t und Begehren. Kohlhammer, Stuttgart 2019, ISBN 978-3-17-035992-5.
‱ Susanne GĂŒnthner, Dagmar HĂŒpper, Constanze Spieß (Hrsg.): Genderlinguistik: Sprachliche Konstruktionen von GeschlechtsidentitĂ€t. De Gruyter, Berlin April 2012, ISBN 978-3-11-027287-1 (Aufsatzsammlung; doi:10.1515/9783110272901; Leseprobe in der Google-Buchsuche).
‱ Wolfgang Mertens: Entwicklung der PsychosexualitĂ€t und der GeschlechtsidentitĂ€t. Geburt bis 4. Lebensjahr. 3., ĂŒberarbeitete Auflage. Band 1. Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1997, ISBN 3-17-014778-1.
‱ Wolfgang Mertens: Entwicklung der PsychosexualitĂ€t und der GeschlechtsidentitĂ€t. Kindheit und Adoleszenz. 2., ĂŒberarbeitete Auflage. Band 2. Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1996, ISBN 3-17-014065-5.
‱ Christa Rohde-Dachser: Spuren des Verlorenen. BeitrĂ€ge zur klinischen Psychoanalyse und zur Geschlechterdifferenz (= Bibliothek der Psychoanalyse). Psychosozial-Verlag, Gießen 2020, ISBN 978-3-8379-2971-3, doi:10.30820/9783837929713.
‱ Volkmar Sigusch: Sexuelle Welten: Zwischenrufe eines Sexualwissenschaftlers. Hrsg.: Martin Dannecker, Gunter Schmidt, Volkmar Sigusch (= BeitrĂ€ge zur Sexualforschung. Band 87). Psychosozial, Gießen 2005, ISBN 3-89806-482-4.

Weblinks

‱ Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung: Aus Politik und Zeitgeschichte. GeschlechtsidentitĂ€t. 2012 (AufsĂ€tze 9 verschiedener Fachautoren, aus APuZ. Nr. 20–21).

Anmerkungen

cite-note-rollenidentitaet-1Anm. 1. ↑ Dazu gehört beispielsweise die Berufsrolle, die ebenso identitĂ€tsstiftend sein kann, wie die Rolle als Elternteil und viele andere mehr, denen jeweils auf eine andere Weise und mit verschiedenen Mitteln Ausdruck verliehen wird.
cite-note-diamond-6Anm. 2. ↑ Milton Diamond, Professor fĂŒr Anatomie und reproduktive Biologie, verknĂŒpfte verschiedene Begriffe (2002): „Sexual identity speaks to the way one views him or her self as a male or female. This inner conviction of identification usually mirrors one’s outward physical appearance and the typically sex-linked role one develops and prefers or society attempts to impose. Gender identity is recognition of the perceived social gender attributed to a person. Typically a male is perceived as a boy or a man where boy and man are social terms with associated cultural expectations attached. Similarly, a female is perceived as a girl or woman.“ „Die sexuelle IdentitĂ€t bezieht sich auf die Art und Weise, wie man sich selbst als Mann oder Frau sieht. Diese innere Überzeugung der Identifikation spiegelt in der Regel das Ă€ußere Erscheinungsbild und die typische geschlechtsspezifische Rolle wider, die man entwickelt und bevorzugt oder die einem von der Gesellschaft auferlegt wird. Die GeschlechtsidentitĂ€t ist die Anerkennung des wahrgenommenen sozialen Geschlechts, das einer Person zugeschrieben wird. Typischerweise wird ein Mann als Junge oder Mann wahrgenommen, wobei Junge und Mann soziale Begriffe sind, die mit kulturellen Erwartungen verbunden sind. In Ă€hnlicher Weise wird eine Frau als MĂ€dchen oder Frau wahrgenommen.“ Milton Diamond: Sex and Gender are Different. Sexual Identity and Gender Identity are Different. In: Clinical Child Psychology & Psychiatry. Band 7, Nr. 3, 2002, S. 320–334, doi:10.1177/1359104502007003002 (englisch).
cite-note-gonade-16Anm. 3. ↑ siehe Gonade
cite-note-innere-geschlechtsorgane-17Anm. 4. ↑ siehe beispielsweise Innere weibliche Geschlechtsorgane
cite-note-aeussere-geschlechtsorgane-18Anm. 5. ↑ siehe beispielsweise Äußere weibliche Geschlechtsorgane
cite-note-richter-quelle-88Anm. 6. ↑ Hier gibt Richter-Appelt in FN 4 auf S. 1 ihres Aufsatzes irrtĂŒmlich eine falsche Quelle an. Richtig wĂ€re: Franziska Brunner, Caroline Prochnow, Katinka Schweizer, Hertha Richter-Appelt: Körper- und Geschlechtserleben bei Personen mit kompletter AndrogeninsensitivitĂ€t. In: Z Sex-Forsch. Band 25, Nr. 1. Georg Thieme, Stuttgart u. a. 2012, S. 26–48, doi:10.1055/s-0031-1283940.
cite-note-isna-100Anm. 7. ↑ Auf ihrer Website gibt die Intersex Society of North America als GrĂŒndungsjahr 1993 an.
cite-note-vereine-intersex-101Anm. 8. ↑ Von Wunder unerwĂ€hnt: 1993 wurde in Deutschland der Verband fĂŒr lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, intersexuelle und queere Menschen in der Psychologie (VLSP) gegrĂŒndet und 2003 in Kanada die Organization Intersex International.
cite-note-netzwerkstudie-108Anm. 9. ↑ Zu dieser, offenbar umstrittenen Studie von Eva Kleinemeier und Martina JĂŒrgensen: Erste Ergebnisse der Klinischen Evaluationsstudie im Netzwerk Störungen der Geschlechtsentwicklung/IntersexualitĂ€t in Deutschland, Österreich und Schweiz Januar 2005 bis Dezember 2007; durchgefĂŒhrt im Rahmen des Netzwerks „Störungen der Geschlechtsentwicklung (DSD)/IntersexualitĂ€t“. 41 Seiten (Memento vom 21. Februar 2016 im Internet Archive) (PDF; 228 kB) auf netzwerk-dsd.uk-sh.de, lĂ€sst sich im Netz eine Quelle finden (9 Seiten (PDF; 2,4 MB) kastrationsspital.ch), deren Herkunft jedoch nicht als gesichert angesehen werden kann. Die Kritik an der Studie geht bis zu ManipulationsvorwĂŒrfen (beispielsweise User Seelenlos: Wie das „Netzwerk DSD“/„Euro DSD“ die „LĂŒbecker Studie“ frisiert. In: blog.zwischengeschlecht.info, 17. Juni 2009).

Einzelnachweise

cite-note-bosinski-100-21. ↑ Hartmut A. G. Bosinski: Determinanten der GeschlechtsidentitĂ€t. Neue Befunde zu einem alten Streit. In: Sexuologie. Band 7, Nr. 2/3, 2000, ISSN 0944-7105, S. 100 (sexualmedizin-kiel.info [PDF; 298 kB; abgerufen am 9. Juni 2017]).
cite-note-bosinski-130-32. ↑ Hartmut Bosinski: Determinanten der GeschlechtsidentitĂ€t. 2000, S. 130.
cite-note-becker-1-43. ↑ Heinrich-Böll-Stiftung Hessen: Böll Analytics mit Sophinette Becker – IdentitĂ€t! (ab 0:27:18) auf YouTube, 15. Dezember 2018, abgerufen am 19. Juni 2020 (Livemitschnitt des Vortrages vom 4. Dezember 2018).
cite-note-katz-54. ↑ Phyllis A. Katz: Gender Identity: Development and Consequences. In: The Social Psychology of Female–Male Relations. Academic Press, 1986, ISBN 0-12-065280-3, S. 22, doi:10.1016/b978-0-12-065280-8.50007-5 (researchgate.net [abgerufen am 2. November 2024]): „The concept of gender identity has been used widely in a variety of ways, both in the popular and in the scientific literature. Many different terms with both overlapping and distinctive meaning have been used interchangeably. This has been reflective of (and is perhaps contributive to) considerable theoretical confusion in this area.“
cite-note-sigusch-97-75. ↑ Volkmar Sigusch: Sexuelle Welten. Zwischenrufe eines Sexualforschers. Psychosozial, Gießen 2005, ISBN 3-89806-482-4, S. 97.
cite-note-money-86. ↑ John Money: Cytogenetic and psychosexual incongruities with a note on space-form blindness. In: American Journal of Psychiatry. Band 119, Nr. 9, 1963, S. 820–827 (psychiatryonline.org): „A gender role and identity become established congruously with the sex of assignment.“
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 The term ‘gender identity’ was arrived at in joint discussions of a research project on this and allied problems by Greenson and Stoller during which many of the formulations in this paper were worked out.“
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cite-note-bundeszentrale-04-4944. ↑ Carolin KĂŒppers: Soziologische Dimensionen von Geschlecht. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung, 8. Mai 2012, abgerufen am 10. April 2017: „Die Einteilung in zwei eindeutig voneinander zu unterscheidende Geschlechter strukturiert unseren Alltag. Sie erscheint als ‚natĂŒrliche‘ und selbstverstĂ€ndliche Tatsache, stellt sich aber aus soziologischer Perspektive sehr viel komplexer dar.“
cite-note-bundeszentrale-05-5045. ↑ Eckart Voland, Johannes Johow: Geschlecht und Geschlechterrolle: Soziobiologische Aspekte. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung, 8. Mai 2012, abgerufen am 10. April 2017: „Die Unterteilung in ‚mĂ€nnlich‘ und ‚weiblich‘ hat ihre Berechtigung, wie die Evolutionsgeschichte zeigt. Die Faktoren fĂŒr die individuelle Entwicklung – ‚Anlagen‘ und ‚Umwelt‘ – lassen sich nicht unabhĂ€ngig voneinander betrachten.“
cite-note-bundeszentrale-06-5146. ↑ Hertha Richter-Appelt: GeschlechtsidentitĂ€t und -dysphorie. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung, 8. Mai 2012, abgerufen am 10. April 2017: „GeschlechtsidentitĂ€t wird thematisiert, wenn Unsicherheit auftritt, etwa bei Inter- oder TranssexualitĂ€t. Im Gegensatz zur frĂŒheren Anlage-Umwelt-GegenĂŒberstellung wird mittlerweile von einer multifaktoriellen Determinierung der IdentitĂ€t ausgegangen.“
cite-note-bundeszentrale-11-5247. ↑ Ulrike Klöppel: Medikalisierung ‚uneindeutigen‘ Geschlechts. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung, 8. Mai 2012, abgerufen am 10. April 2017: „Wie konnte sich die medizinische Definitionsmacht ĂŒber IntersexualitĂ€t historisch durchsetzen? Zentral dafĂŒr war, so die These des Beitrags, die Konstruktion der ‚GeschlechtsidentitĂ€t‘ als psychischer EntitĂ€t Mitte des 20. Jahrhunderts.“
cite-note-bundeszentrale-07-5348. ↑ Michael Wunder: IntersexualitĂ€t: Leben zwischen den Geschlechtern. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung, 8. Mai 2012, abgerufen am 10. April 2017: „Der Deutsche Ethikrat hat eine Stellungnahme zum Thema IntersexualitĂ€t vorgelegt. Vorausgegangen war ein intensiver Dialog mit Betroffenen, Selbsthilfegruppen und Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen.“
cite-note-bundeszentrale-08-5449. ↑ Rainer Herrn: Ver-körperungen des anderen Geschlechts – Transvestitismus und TranssexualitĂ€t historisch betrachtet. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung, 8. Mai 2012, abgerufen am 10. April 2017: „Der Wechsel zur Kleidung des anderen Geschlechts und, oft damit verbunden, der Wechsel des sozialen Geschlechts sind in der europĂ€ischen Geschichte seit Langem bekannt, gerieten aber erst im spĂ€ten 19. Jahrhundert in den medizinischen Blick.“
cite-note-bundeszentrale-09-5550. ↑ Susanne Schröter: GrenzverlĂ€ufe zwischen den Geschlechtern aus ethnologischer Perspektive. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung, 8. Mai 2012, abgerufen am 10. April 2017: „Ob zwei oder mehr Geschlechter anerkannt werden, ist vom jeweiligen kulturellen Kontext abhĂ€ngig. In vielen Gesellschaften, vor allem außerhalb Europas, unterscheiden sich Geschlechterkonstruktionen von den uns bekannten Mustern.“
cite-note-bundeszentrale-10-5651. ↑ Arn Sauer, Jana Mittag: GeschlechtsidentitĂ€t und Menschenrechte im internationalen Kontext. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung, 8. Mai 2012, abgerufen am 10. April 2017: „Im internationalen Menschenrechtsschutz hat sich Vieles zum Positiven entwickelt. Zugleich aber lĂ€sst die geschlechtliche Vielfalt und RandstĂ€ndigkeit von Trans* und Inter* sie weiterhin zum Ziel von Diskriminierung und Gewalt werden.“
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